Das Staatliche Institut für Musikforschung
bei der GfM 2024 in Köln

Bei der diesjährigen Tagung der Gesellschaft für Musikforschung war das SIM mit drei Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Forschungsbereichen des Instituts vertreten. Hier ihre Eindrücke von der sehr gut besuchten und auffällig jung besetzten Veranstaltung.

(c) Grafik: Musikwissenschaftliches Institut der Universität zu Köln

Die Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung zum Thema „Kollaborationen – Wider den Methodenzwang“ fand dieses Jahr in Köln statt. Das Thema stand für besondere Offenheit – und diese Offenheit und Bandbreite wurden eingelöst. Organisiert vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität und von der Hochschule für Musik und Tanz gaben die beiden Hauptsymposien „Acoustic Research“ und „Musikalisches Erleben“ nicht nur die Schwerpunkte vor, sondern auch zahlreiche Impulse für die anderen Symposien und Fachgruppentreffen. Fast hatte man den Eindruck, die sonst so prominente und starke historische Musikwissenschaft trat etwas in den Hintergrund.

Vom SIM waren wir zu dritt mit Vorträgen, Moderationen und Beiträgen vertreten und sammeln unsere recht persönlichen Eindrücke, die zugleich die Bandbreite der Forschungsausrichtungen des SIM zeigen:

Mit über 500 Anmeldungen, davon rund ein Drittel von Studierenden, war die Tagung dieses Jahr sehr gut besucht und enorm jung besetzt. Das lässt auf die Zukunft des Fachs, seine methodische Vielfalt, auf Lebendigkeit der Auseinandersetzungen und Begeisterung am Gegenstand hoffen. Jedoch, so wurde im beinahe überfüllten Saal diskutiert, bieten die Studierendenzahlen Grund zur Sorge und fordern konkrete Strategien. Die Fachgruppe Nachwuchsperspektiven hatte zum Gespräch gebeten, um gemeinsam mögliche Gründe und Lösungsansätze für den Studierendenschwund zu diskutieren. Eingeladen waren der Prodekan für Lehre, Studium und Studienreform sowie der Studienberater für Musikwissenschaft an der Universität zu Köln. Die Ursachen für den Rückgang der Studierendenzahlen, übrigens in fast allen Geisteswissenschaften, sind mehrschichtig, sie umfassen ein zu vages Berufsbild sowie eine ungewisse Krisenbeständigkeit möglicher musikwissenschaftlicher Berufe. Die Herausforderungen sind also bekannt und ihnen wird bereits mit Imagekampagnen und Initiativen begegnet. Während vom GfM-Vorstand eine Task Force eingerichtet wurde, die sich gemeinsam mit dem Musikinformationszentrum und dem Statistischen Bundesamt um eine Verbesserung der Datengrundlage bemüht, ist es der Fachgruppe wichtig, vereinzelte Initiativen zu bündeln und daraus standortübergreifende Maßnahmen für die Bewerbung des Fachs Musikwissenschaft zu entwickeln. Die neue Fachgruppensprecherin ist Institutsassistentin am SIM, wir wünschen alles Gute für diese künftige Aufgabe.

Schön war, dass ein Themenfeld, das im anglo-amerikanischen Raum schon länger diskutiert wird, auch in der deutschsprachigen Musikforschung produktiv wird, die ecomusicology. Besonders instruktiv ist hier die Verbindung der Diskussionen ums Anthropozän, den menschengemachten Klimawandel, in Verbindung zu ästhetischen Debatten. Ein Themenfeld, das für die Musikforschung noch vieles bereithält: materielles Kulturerbe ebenso wie performative Konzepte, deren Bezüge zueinander und nun auch die Anwendung des Themas auf Formenanalyse klassischer Kompositionen.

Jenseits anderer Symposien und Panels waren weitere Fachgruppensitzungen von besonderem Interesse. In den Treffen der Fachgruppe Aufführungspraxis und Interpretationsforschung gibt es regelmäßig Projektpräsentationen, die mit dazu beitragen sollen, in dem großen wissenschaftlich-künstlerischen Forschungsgebiet, in dem in verschiedenen Institutionen sehr viel Verschiedenes geschieht, einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben. Das SIM ist der Fachgruppe eng verbunden, als wir unser eigenes großes Forschungs- und Publikationsprojekt einer Geschichte der musikalischen Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert im Laufe seiner Planungsphase mehrfach dort zur Diskussion gestellt haben. Diesmal präsentierten sich die Wagner-Cycles, das bislang größte Projekt der historisch informierten Aufführung eines Werkzyklus des 19. Jahrhunderts, der Ring-Tetralogie von Richard Wagner, für ein breites Publikum unter der Leitung eines namhaften Dirigenten. – Die Fachgruppe Musikwissenschaft an Musikhochschulen veranstaltete ein halbtägiges Fachgruppensymposium zu den Chancen und Problemen asiatischer Musikstudierender in Deutschland. Insofern als wir ein Projekt zu den Asiatischen Musiker:innen als Stars in der westlichen Klassik-Szene planen, war auch dieses Symposium mit einer größeren Zahl sehr guter Vorträge von nachhaltigem Interesse für uns.

Im Treffen der Fachgruppe Freie Forschungsinstitute zeigte sich einmal mehr die starke Anbindung an die Initiative NFDI4Culture, in der jüngst auch Hans-Joachim Maempel aus dem SIM berichtete. Im Treffen selbst kristallisierte sich der erhöhte Bedarf vieler Editionsprojekte heraus, die Nachhaltung der Forschungsmittel, der Dokumente und Unterlagen mitzudenken und über die Projektlaufzeiten hinaus vorzuhalten. Wie alle Projekte gehen auch Langzeiteditionsprojekte einmal zu Ende, der genannte, abschließende Prozess soll aktiver eingeplant, die Nachhaltung professionalisiert werden.

Auch die neu gegründete Fachgruppe Musik und Medien wird dem SIM fortan recht nahestehen. Bereits das vorgelagerte Symposium „Sound | Hacks. Musik und Medien in (Inter)Aktionen“ zeigte, wieviel Potenzial, Ideenreichtum und Diskussionsfreude die praktische wie theoretische Befassung mit Musikobjekten und Geräten vielerlei Art befördert. Objekte wurden mitgebracht, gehört und durch theoretische Impulse, u. a. aus dem SIM, begleitet. Mit der am SIM vertretenen Instrumentenkunde wird es wichtige Schnittmengen geben.

Drei Preise wollen wir hervorheben: Christine Oeser erhielt den Promotionspreis für Ihre Studie zur „Geschichte in Liedern. Neue Perspektiven auf musikalische Quellenarbeit anhand von Liedsammlungen aus dem Konzentrationslager Buchenwald“. Sie selbst fasst zusammen: „Die Liedsammlungen aus Buchenwald stellen eine einzigartige Quelle dar, die heute einen differenzierten Blick auf die Musikgeschichte der Konzentrationslager ermöglicht. Eine Auseinandersetzung mit vergleichbaren Zeugnissen aus anderen Konzentrationslagern könnte dabei helfen, das Verständnis für musikalische Tätigkeiten in der Extremsituation zu vertiefen.“ Der Posterpreis ging an Jennifer Ritter zum Thema „Vom Schallplattenetikett zum Datenbankmodell“.

Und einen starken Berlinbezug hat das Projekt von Anita Jóri von der Universität der Künste Berlin, das mit dem NFDI4Culture Music Award ausgezeichnet wurde: „Anbahnung ‚Berliner Techno-Archiv/Berlin Techno-Archive‘“. Die Begründung der Jury fasst es zusammen: „Ihr Projekt nähert sich einem Quellenbestand, der nicht nur Gefahr läuft verloren zu gehen, wenn keine Bemühungen um die Sammlung und (digitale) Erhaltung unternommen werden. Das Projekt adressiert durch seinen Gegenstand auch spezifische Probleme, die mit dem Kernanliegen von NFDI4Culture verbunden sind: Musik und Musikkultur als multimediales, rechtlich mit unterschiedlichen Ansprüchen belegtes und ökonomisch eingebundenes kulturelles Erbe dennoch möglichst standardisiert und langfristig zugänglich zu machen. Dazu müssen Best-Practice-Lösungen gefunden werden, die im Rahmen dieses Anschub-Projekts anhand von Fallbeispielen und unter intensiver Begleitung von NFDI4Culture gemeinsam vernetzt erarbeitet werden können.“

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Dr. Rebecca Wolf

Direktorin des Instituts

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