Pistole im Kopfstand

Strategie-Workshops zum sense:ability-Projekt des Staatlichen Instituts für Musikforschung

Das Forschungsprojekt sense:ability beschäftigt sich mit musikbezogenen Wissenstransfers. In Workshops am 12. und 19. Februar 2024 definierten die Mitarbeiterinnen des SIM, welche Inhalte sie in den Blick nehmen wollen und wer ihr Publikum der Zukunft sein soll.

Pistole vor rotem Hintergrund
Schreckschusspistole zur Nachhallmessung in Konzertsälen. Foto: Anne-Katrin Breitenborn

von Mireya Salinas

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Treffen sich ein Digitalisierungsmanager, eine Spezialistin für Neue Musik und ein Bibliothekar – plötzlich wird eine Pistole gezückt… Nein, diese Szene ereignete sich nicht an einer Bar in der Wüste im Nirgendwo, sondern im Seminarraum des Staatlichen Instituts für Musikforschung. Anlass waren zwei Strategie-Workshops im Rahmen des Drittmittelprojekts sense:ability – musikbezogener Wissenstransfer zwischen Materialität und Virtualität, zur Pistole nachher mehr. Es gibt eine große Bandbreite von Professionen rund um Musik im SIM, von den klassischen Disziplinen der historischen und systematischen Musikwissenschaft bis hin zu Ton- und Studiotechnik, Organologie, Restaurierung, Musikarchäologie und Kultureller Bildung. Jede Disziplin hat ihre eigene Perspektive, eigene Begrifflichkeiten und Herangehensweisen. Die Stühle stehen im Kreis, in der Mitte leuchtet farbenfroh ein Blumenstrauß, die Moderatorin begrüßt die Teilnehmenden. Neben Interesse und Neugier blitzt mitunter auch ein leicht skeptischer Blick auf. Ich hasse ja Stuhlkreise, müssen wir etwa peinliche Aufwärmübungen machen?

Aber wir wissen ja, warum wir hier sind: Das Forschungsprojekt sense:ability beschäftigt sich mit musikbezogenen Wissenstransfers. Das kann vom Ausprobieren einer Orgelpfeife bis zum Besuch des virtuellen Konzertsaals alles sein, was die Forschungsinhalte des Hauses zugänglicher und verständlicher macht. Wissenstransfer kann verspielt sein, analytisch, inklusiv, virtuell und sinnlich erlebbar. Wir wollen gemeinsam definieren, welche Forschungsinhalte wir mit diesem Projekt in den Blick nehmen und wer unser Publikum der Zukunft sein soll. Bevor wir uns diesen großen Fragen widmen, geht es um das Wie. Ein offener, hierarchiefreier Ton und ein respektvoller Umgang werden vereinbart. In diesen zwei Workshop-Tagen wollen wir mutig sein und neugierig, wenn nötig aber auch konstruktiv kritische Rückmeldungen geben. Dann machen wir uns auf den Weg, mit einem Bündel voller Moderationsmethoden im Gepäck, einigen Diskussionen zu Begrifflichkeiten am Wegesrand und insgesamt 14 Stunden Zeit. Was haben wir erreicht?

Vier Forschungskernthemen für sense:ability

Bevor wir festlegen, welche Forschungsthemen in diesem Projekt vermittelt werden sollen, lernen wir die „Kopfstand-Methode“ kennen, die zum Glück nur geistige Beweglichkeit verlangt. Was genau müssen wir tun, um total zu scheitern und unsere Themen nicht gesellschaftsfähig zu machen? Mangelnde Körperhygiene bei Führungen im Museum, eine sofortige Abschaffung der Öffentlichkeitsarbeit, ein beherzt unfreundlicher Ton gegenüber Besucher:innen, wirklich schlecht recherchierte Publikationen, an Ideen beim freudvollen Durchspielen dieser Horrorszenarien fehlt es nicht. Im Umkehrschluss wird schnell klar, dass wir mit unseren Themen noch mehr in die Gesellschaft hineinstrahlen wollen. Am Ende des ersten Workshop-Tages stehen nach intensiven Diskussionen unsere vier Kernthemen fest:

aufgeklapptes Clavichord, Mikrofone und im Hintergrund die Waffelstruktur der Wand im reflexionsarmen Raum
Klangaufnahmen im reflexionsarmen Raum. Foto: Michael Horn

1. Sammlungen erschließen, erforschen und digital zugänglich machen
Das SIM verfügt über viele einzigartige Sammlungen. Neben der Musikinstrumentensammlung des Museums gibt es unter anderem über 40 Nachlässe und Tonträgersammlungen mit den dazugehörigen Wiedergabegeräten.

2. Audiovisuelle Wahrnehmung erforschen und vermitteln
Hört das Auge mit? Die Erforschung von Fragen der Musikwahrnehmung hat Tradition im SIM. In den 70er Jahren ging es um Wahrnehmungsunterschiede zwischen live aufgeführter und elektroakustisch reproduzierter Musik. Durch die mediale Verfügbarkeit von Musik als individuelle Soundkulisse des Lebens hat das Thema heute noch an Relevanz gewonnen.

3. Musikübertragung
Wie wird Musik aufgenommen, bearbeitet und gespeichert? Die Studiotechnik, die Arbeit der Tonmeister:innen, Fragen des Musikstreamings gehören genauso dazu wie die Wiedergabegeräte von Musik.

4. Musiktransfers
Wie verhält sich die Aufführungspraxis und Interpretation europäischer Musik der letzten Jahrhunderte im Kontext globaler Musikpraktiken? Passend zum Strategiepapier will das SIM zum Beispiel die Wechselwirkungen zwischen Neuer Musik und Popmusik erkunden und den Wissens- und Technologietransfer im Musikinstrumentenbau thematisieren.

weiße Pinwand mit bunten beschriebenen Zetteln
Auf der Suche nach dem Publikum von morgen. Foto: Michèle Reber

Drei Zielgruppen

Nach der Erarbeitung allgemein wünschenswerter Zielgruppen am zweiten Workshoptag geht es nun darum, drei davon für unser Projekt auszuwählen. Hier ist Herzblut spürbar, eine Vehemenz sichtbar, mit der Zettel mit Zielgruppen in den innersten Kreis gehängt von Kolleg:innen sofort wieder umgehängt werden. Was ist wichtiger, Inklusion oder wissenschaftliche Community, Instrumentenfans oder Lehrende? Wie können wir so schnell überhaupt eine tragfähige Entscheidung fällen? Die Mittagspause wirkt deeskalierend. Man soll nie die befriedende Wirkung einer guten Mahlzeit unterschätzen! Danach wird abgestimmt und wir einigen uns:

Young Adults: Kinder sind durch die florierenden Workshops und Führungen mit Schulklassen und Kitagruppen gut vertreten, ebenso akademisch gebildete ältere Menschen. Wo aber bleiben die jungen Menschen? Bisher haben wir wenig spannende Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene, das wollen wir jetzt ändern.

Wissenschaftliche Communities: Hier sind explizit auch Nachbardisziplinen gemeint. Wir sind neugierig auf die Perspektiven der Kulturgeschichte, Literaturwissenschaft, Technikgeschichte oder philosophischen Ästhetik.

Elektro-Szene: Die Technokultur samt Berliner Clubszene gehören ebenso dazu wie die zeitgenössische elektronische Musik, die Kennerinnen der frühen elektronischen Musik und die einschlägigen Festivals. Mit unserem Bestand an elektronischen Musikinstrumenten und den Forschungsthemen des Hauses haben wir hier einiges zu bieten!

Wir lernen uns besser kennen

Jede Abteilung soll einen Gegenstand mitbringen, der symbolisch für deren Arbeit steht. Wir haben ein Toy Piano für die Musikwissenschaft, ein Mikroskop für den Bereich der Restaurierung und Notenausgaben für die Bibliothek. Dann legt der Leiter der Abteilung III eine Pistole auf den Tisch. Plötzlich sind alle sehr aufmerksam, leises Lachen ist hörbar. Diese Schreckschusspistole wurde ihm am ersten Arbeitstag übergeben. Sie stammt aus analogen Zeiten, wo zur Nachhallmessung in Konzerträumen der Knall einer Pistole notwendig war.
Nach diesen zwei Tagen können wir uns eher vorstellen, was die Kollegin im zweiten Stock und der Kollege vom Gang gegenüber den ganzen Tag so machen. Aber wir lernen uns auch persönlich besser kennen. Was uns motiviert, was uns deprimiert, wo wir als SIM noch an Abläufen arbeiten und die Kommunikation verbessern müssen. Das sind Themen, die über das Projekt hinausgehen und die wir nicht unter den Tisch fallen lassen wollen.

Kopfarbeit und Kulinarik

Die Bewirtungssituation in der SPK ist aus haushalterischen Gründen eher asketisch, da stimmen sicher viele Mitarbeitende der Stiftung zu. Aber in Abwandlung eines bekannten Sprichworts: Wer gut denken will, sollte auch gut essen! Am zweiten Workshoptag bringen die Teilnehmenden nach Lust und Laune Beiträge für ein kleines Buffet mit. Das ist lecker, schafft eine ganz andere Atmosphäre und lädt zu Gesprächen in den Pausen ein. Teambuilding durch gemeinsames Genießen, vielleicht sollten wir uns das öfter gönnen…

Ideen-Pool

Gegen Ende des zweiten Workshoptages schauen wir auf Zukunftstrends der Gesellschaft und sammeln erste Ideen für neue Formate des Wissenstransfers. Tonregie-Workshops fallen uns ein, Hörvergleiche, Outreach in die Berliner Clubszene und vieles mehr. Am Ende hoffen wir auf drei Freiwillige, die sich stellvertretend für die verschiedenen Abteilungen weiterhin für sense:ability engagieren wollen. Es melden sich zehn Kolleg:innen, das ist für mich der schönste Erfolg dieser etwas ungewöhnlichen Tage.

Wie geht es jetzt weiter?

sense:ability ist in zwei Ebenen konzipiert, die teilweise ineinandergreifen. In der ersten Ebene geht es um die Entwicklung neuer Formate musikbezogenen Wissenstransfers, die Strategie-Workshops waren der erste Schritt. Nun werden Fokusgruppen entsprechend der drei gewählten Zielgruppen gebildet, die dann das SIM kennenlernen und von deren Expertise wir lernen wollen. Danach geht es an die Konzeption neuer Formate, von denen eines in einem partizipativen Prozess ausgewählt und im Projektzeitraum umgesetzt wird.
Genauso wichtig ist die zweite Ebene der Besucher:innenforschung. Mithilfe des Instituts für Museumsforschung werden die Fokusgruppen strukturiert interviewt, Besucher:innen in ausgewählten Bereichen des Museums befragt und die emotionale Beteiligung an einer interaktiven Station getestet. Außerdem werden in Zusammenarbeit mit Sergey Mukhametov und Wolfgang Kesselheim über eine Langzeitmessung mit Tiefensensoren personenunabhängige Daten in einem definierten Bereich des Museums aufgenommen. Bewegungsmuster der Besuchenden werden hier analysiert, wir erhoffen uns Rückschlüsse zur Wahrnehmung herausragender Objekte und zur sozialen Interaktion. Dieser Zuwachs an Daten soll als Grundlage für die Konzeption der neuen Formate musikbezogenen Wissenstransfers dienen und zum begleitenden Testing bei der Umsetzung genutzt werden. Mit anderen Worten: Wir haben viel zu tun, also packen wir es an!

Mireya Salinas, Dipl. Mus./Dipl. Kult.

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