Zwischen Kunst und Wissenschaft

Rückblick auf 34 Jahre Forschungsarbeit am SIM

von Heinz von Loesch

Meine Stelle am SIM habe ich nach zwei Jahren als „Institutsassistent in Fortbildung“ letztlich dafür bekommen, dass man mir zutrauen wollte, für das Großprojekt des Hauses, die „Geschichte der Musiktheorie“, einen größeren Beitrag über die deutsche Musiktheorie im 16. Jahrhundert zu schreiben und dafür auch mein Latein noch einmal gründlich aufzubessern. 

Die „Geschichte der Musiktheorie“ war damals das Aushängeschild des SIM, doch selbst nach zwanzigjähriger Laufzeit war bei ein paar Autoren noch lange kein Ende abzusehen. Die Mitautorschaft eines jüngeren Kollegen war in diesem Kontext ein Hoffnungsschimmer. Es hat dann tatsächlich zehn Jahre gedauert, bis der Beitrag fertig war – wie gesagt, musste ich erst noch richtig Latein lernen, und die Musiktheorie des 16. Jahrhunderts ist auch kein Gegenstand, in dem man sich rasch mit Souveränität bewegt.

Die Musik immer im Blick. Aussicht aus Heinz von Loeschs Bürofenster. Foto: Anne-Katrin Breitenborn

Nach Abschluss des Beitrags, an dem zumindest unser Verwaltungsleiter mehr und mehr zu zweifeln begonnen hatte, war ich dann an der Redaktion von ein paar anderen Texten für die „Geschichte der Musiktheorie“ beteiligt, um schließlich mit dem damaligen Direktor des Hauses auf die Suche eines Nachfolgeprojekts zu gehen.

Auf einer hölzernen Bühne: Mann an einem Flügel aus braun glänzendem Holz und Mann daneben stehend und redend.
Interpretationsforschung am SIM: Heinz von Loesch im Dialog mit dem Pianisten Hardy Rittner an einem historischen Pleyel-Flügel im Juni 2017. Foto: Jörg Joachim Riehle

Zu einem solchen wurde schließlich die „Geschichte der musikalischen Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert“. Zeitgleich mit dem performative turn in den Kunst- und Kulturwissenschaften wurden Fragen der Aufführungspraxis, Interpretation und Performance auch in der Musik zu einem Gegenstand von allgemeinem Interesse. Die Aktualität des Themas war hier größer als bei der „Geschichte der Musiktheorie“, ebenso allerdings auch die Konkurrenz durch andere, ähnlich gelagerte Forschungsprojekte. Das Projekt konnte auf keinen Fall mehr so lange dauern wie die „Geschichte der Musiktheorie“. Nach rund zehnjähriger Laufzeit lagen die avisierten vier umfangreichen Bände, verfasst von rund 40 Autorinnen und Autoren, tatsächlich vor. 

War ich mit dem Projekt einer Geschichte der Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert meinem ersten Lebenstraum, ein professioneller ausübender Musiker zu werden, ideell wieder ein Stück näher gerückt, so zehrte diese Seite von mir im SIM immer von der Nähe zu einem Museum der Instrumente, auf denen auch gespielt wird. Neben den beiden Großprojekten hatte ich teil an zahlreichen kleineren Veranstaltungen mit Musik und Musikern: Veranstaltungen zwischen Kunst und Wissenschaft, an denen auch ein breites Publikum Interesse hatte. 

"B and Me!": Beitrag im Rahmen einer Videoserie zum Beethoven-Jahr 2020

Dabei profitierte ich stets davon, dass ich eine ganze, unbefristete Stelle hatte, die einem Zeit und Lust gibt, sich vollumfänglich für all diese Unternehmungen einzusetzen, und mich beglückte, in einem jener berühmten Bauten von Hans Scharoun und Edgar Wisniewski mit Blick über das Kulturforum auf die Staatsbibliothek und vor allem Philharmonie zu sitzen.

Den beiden Mitarbeiterinnen des SIM – der alten Direktorin und dem damaligen Leiter der historischen Abteilung –, die mir zutrauten, ein großes, mir zunächst gänzlich fernliegendes Forschungsprojekt zum Abschluss zu bringen, und dafür auch bereit waren, mit der Vergabe einer Stelle in Vorleistung zu treten, fühle ich mich bis heute zutiefst verbunden.

Weiterführende Links

Prof. Dr. Heinz von Loesch begann seine Tätigkeit am SIM 1991 als „Institutsassistent in Fortbildung“. Im Sommer 2025 ging er nach 34 Jahren als Wissenschaftlicher Mitarbeiter offiziell in den (Un)ruhestand. Er bleibt am SIM weiter als Senior Researcher aktiv.