Geschichte der Musiktheorie: neuer Band

News vom 21.09.2021

Der aktuelle Band der „Geschichte der Musiktheorie“ des Staatlichen Instituts für Musikforschung widmet sich dem französischen und italienischen Sprachraum im 18. und 19. Jahrhundert. Das von Stefan Keym, Leipzig, herausgegebene Werk bietet ein breites Panorama, das mit elf Kapiteln von Autorinnen und Autoren aus fünf Ländern einen neuen Blick auf die Theorie einer nur scheinbar wohlbekannten Musikepoche eröffnet.

Der 12. und letzte Band der „Geschichte der Musiktheorie“ widmet sich dem französischen und italienischen Sprachraum im 18. und 19. Jahrhundert. Anders als in früheren Bänden der Reihe werden diese Kulturräume nicht in zwei großen, in sich geschlossenen Blöcken behandelt, sondern die meisten Kapitel erörtern einzelne Theorieaspekte vergleichend in beiden Gebieten. Diese neue Perspektive trägt nicht nur dem veränderten Verständnis künstlerischer und kulturgeschichtlicher Prozesse als stark transnational geprägte Phänomene Rechnung, sondern ist auch durch den Gegenstand begründet: Denn obgleich sich gerade in Frankreich und später auch in Italien zunehmend eine nationalistische Denkweise und Rhetorik entwickelte, war die Musiktheorie ebenso wie die Praxis der beiden politisch so unterschiedlich strukturierten Räume in jener Zeit eng miteinander verzahnt und durch vielfältige Transfer- und Verflechtungsprozesse geprägt.

Im Lauf der beiden Jahrhunderte kam es freilich zu unterschiedlichen geographischen und inhaltlichen Schwerpunktsetzungen. So ist etwa die Kontrapunktlehre in Frankreich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein kaum ohne die Kenntnis ihrer italienischen Vorbilder zu verstehen. Auch bei Rhythmik und Metrik gingen zunächst Impulse von südlich der Alpen aus, was sich später jedoch umkehrte. Auf dem Gebiet der Oper hat sich früh eine komplexe Wechselwirkung zwischen genuin italienischen Praktiken und französischen Diskursen entwickelt. Und die Gattungstheorie der Sonatenform war in beiden Ländern stark von deren Fokus auf Oper und Theater gefärbt.

Generell liegt der Schwerpunkt beim 18. Jahrhundert mehr auf Italien (u.a. mit Kapiteln zu der in Neapel als Generalbass-Aussetzung entwickelten, aber auch das Komponieren prägenden Partimento-Lehre sowie zu angewandten und spekulativen Harmonietheorien der Paduaner Schule um Tartini), während für das 19. Jahrhundert überwiegend französischsprachige Autoren erörtert werden, darunter auch prominente Belgier wie Fétis und Gevaert (insbesondere auf den Gebieten der Tonalität und der Instrumentation). Die Harmonielehre bildete damals die musiktheoretische „Fundamentaldisziplin“ (Carl Dahlhaus), die vom System Rameaus über die verschiedenen Schulen und Traditionslinien am Pariser Conservatoire bis ins späte 19. Jahrhundert verfolgt wird, als im postrevolutionären Frankreich Modalität und Gregorianik eine überraschende Aktualität gewannen, die auch kirchen- und kulturpolitische Implikationen einschloss.

Insgesamt bieten die elf Kapitel von Autorinnen und Autoren aus fünf Ländern ein breites Panorama, das einen neuen Blick auf die Theorie einer nur scheinbar wohlbekannten Musikepoche eröffnet und eine Alternative zum oft germanozentrisch getönten Blickwinkel deutscher und angloamerikanischer Studien zur Musiktheorie des 18. und 19. Jahrhunderts liefert.

Herausgegeben von Stefan Keym.

Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2021
443 Seiten, 47 Notenbeispiele, 25 Illustrationen, Hardcover in Leinen
100 Euro (WBG-Mitgliederpreis 80,- Euro)

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