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Neue Ansätze in der Musikarchäologie

von Olga Sutkowska
Zum 13. Mal versammelte sich die internationale musikarchäologische Fachcommunity, um neueste Forschungsergebnisse auszutauschen und über den Status quo der Disziplin zu reflektieren. Das XIII. Symposium der International Study Group on Music Archaeology (ISGMA) “New Approaches in Music Archaeology” fand vom 17. bis 21. November 2025 im Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien sowie online statt.

Mit etwa 40 Vorträgen, 20 Postern, zwei Workshops und einem Konzert zeigte sich die aktuelle musikarchäologische Forschung während der letzten ISGMA-Tagung in Wien als ein wahrhaft multidisziplinäres Unterfangen. Die Interdisziplinarität des Faches lässt sich schon aus dessen Namen ableiten, der darauf hinweist, dass hier auf die Methoden der breitgefächerten M U S I K-Forschung sowie aus der A R C H Ä O L O G I E zurück gegriffen wird. Aber dies ist noch nicht alles, denn neben den musikwissenschaftlichen und im weitesten Sinne anthropologischen Teilaspekten stützt sich eine musikarchäologische Studie auch auf die Methoden der sogenannten „Experimentellen Archäologie”. Archäologische Musikinstrumente werden möglichst originalgetreu oder modellhaft nachgebaut, um deren Klanglichkeit, Spielpraxis, Herstellungstechnik sowie psycho-akustische Auswirkung zu erkunden. Eine solche Herangehensweise verlangt nach der Zusammenarbeit mehrerer Beteiligter mit unterschiedlichen Expertisen. Wissenschaft trifft hier auf Praxis und so leisten auch Musikerinnen und Musikinstrumentenbauerinnen einen wichtigen Beitrag zur Wiederentdeckung der längst verhallten Klänge und Musiken der Menschheit.
Obwohl alle primären Quellen der Musikarchäologie – archäologische Funde von Musikinstrumenten, musikikonografische Belege, Textquellen sowie die gegenwärtige traditionelle Musik (sogenannte living cultures) – unabdingbar sind, um ein möglichst vollständiges Bild über vergangene Musikkulturen zu erhalten, sticht eine Quellengruppe heraus: die erhaltenen Musikinstrumente bzw. Klangartefakte – neben der menschlichen Stimme die Werkzeuge der Klang- und Musikerzeugung par excellence. Der organologische Fokus in der musikarchäologischen Forschung lässt sich im Programm der ISGMA-Tagung auf den ersten Blick gut erkennen. In der Tat war die überwiegende Anzahl der Wiener Vorträge den archäologischen Musikinstrumenten gewidmet. Es wurden neue archäologische Funde präsentiert (wie zum Beispiel ein Aulos von der Iberischen Halbinsel: Jiménez Pasalodos–Hagel, oder eine bronzezeitliche Santovka-Pfeife aus der Slovakei: Bátora–Pomberger) und die „alten” Funde neu interpretiert (unter anderem die Auloi aus Pompeii: Wysłucha–Hagel, die „Wicklow Pipes” aus Irland: O´Dwyer, oder die steinzeitlichen Schwirrhölzer: Praxmarer). Auch instrumentenkundliche Klassifizierungsmethoden (Pomberger–Hackl) sowie das organologische Verständnis im prehispanischen Ecuador (Pérez de Arce) standen zur Debatte.

Das Spektrum der besprochenen Themen ging jedoch über die organologischen Schwerpunkte hinaus. Eröffnet wurde die Tagung durch den Vortrag von Dr. Graeme Lawson (Cambridge University), einer der Pioniere der ISGMA, der erst kürzlich mit seinem neu erschienenen Buch „Sound Tracks” die Disziplin der Musikarchäologie einer breiteren Leserschaft vorgestellt hat.[1] Außerdem gab es Berichte aus dem Bereich des musikbezogenen Wissenstransfers im musealen Kontext (Taylor) sowie der systematischen Musikwissenschaft mit der Präsentation einer empirischen musikpsychologischen Studie (Foramitti). Das unbestrittene Highlight der Tagung stellte das Abendkonzert dar, bei dem man verschiedenste Nachbauten archäologischer Musikinstrumente dem neuesten musikarchäologischen Kenntnisstand entsprechend live hören und vor dem malerischen Hintergrund des Theatersaals der ÖAW auf der Sonnenfelsgasse optisch bewundern konnte.

ISGMA & die Stiftung Preußischer Kulturbesitz
The International Study Group on Music Archaeology (ISGMA) wurde durch Prof. Dr. Ellen Hickmann (Hochschule für Musik und Theater Hannover) und Prof. Dr. Ricardo Eichmann (Deutsches Archäologisches Institut Berlin, Orient-Abteilung) 1998 gegründet. Im Gründungsjahr fand auch das erste ISGMA-Symposium im Kloster Michaelstein in Sachsen-Anhalt statt. Der Ort sollte sich mit drei weiteren im Zweijahresrythmus veranstalteten ISGMA-Symposien als prägend für die Etablierung der jungen Disziplin der Musikarchäologie sowie der Formung einer internationalen und interdisziplinären Fachcommunity erweisen.
Nach der Michaelsteiner Zeit entschloss sich die Forschungsgruppe, sich einem breiteren Publikum zu öffnen[2] und nach Berlin zu gehen. Dies geschah durch das Engagement von Prof. Dr. Ricardo Eichmann und Prof. Dr. Lars-Christian Koch, dem damaligen Direktor des Phonogramm-Archivs des Ethnologischen Museums Berlin. Mit insgesamt vier ISGMA-Tagungen, die in den SPK-Einrichtungen veranstaltet wurden – drei im Ethnologischen Museum (2006, 2008, 2014) und eine im Humboldt Forum (2021) – wurde Berlin über mehrere Jahre zum Zentrum der Musikarchäologie.[3] Nach der letzten Tagung in Würzburg im Jahr 2023, fand sie nun an der ÖAW in Wien statt.
Die auf den ISGMA-Tagungen seit 1998 bis 2016 gehaltenen Vorträge wurden in insgesamt 11 Bänden innerhalb der Reihe Studien zur Musikarchäologie veröffentlicht.[4] Seit 2021 sind die Vortragenden der ISGMA-Tagungen eingeladen, ihre Forschungsergebnisse im Journal of Music Archaeology zu publizieren, das seit 2023 durch Stefan Hagel, Florian Leitmeier, Dahlia Shehata und Kamila Wysłucha im Österreichischen Archäologischen Institut der Wiener ÖAW herausgegeben wird.[5] Neben der ICTMD Study Group on Music Archaeology, aus der die ISGMA Ende der 1990er Jahre hervorgegangen ist, und im Unterschied zu anderen musikarchäologischen Forschungsgruppen,[6] ist die ISGMA die einzige global orientierte Fachorganisation, die die Forschung zu allen vergangenen Musikkulturen aus der ganzen Welt und aus allen Zeiten repräsentiert.
[1] Graeme Lawson: Sound tracks. Uncovering our musical past, The Bodley Head, London 2024 (Originalausgabe, Hardcover); Soundtracks. A Musical Detective Story, Vintage, London 2025 (Paperback); Soundtracks. Auf den Spuren unserer musikalischen Vergangenheit, Pieper Verlag, München 2025 (Deutsche Ausgabe).
[2] An den Symposien im Kloster Michaelstein durften ausschließlich „aktive“ Teilnehmerinnen der Tagung partizipieren, die durch Prof. Dr. Ellen Hickmann persönlich per Brief eingeladen wurden. Der Teilnehmerkreis der ersten vier ISGMA-Tagungen bestand aus von Prof. Dr. Ellen Hickmann ausgewählten Forscherinnen. Der erste öffentliche „Call for Papers“ wurde erst für das fünfte ISGMA Symposium, das 2006 im Berliner Ethnologischen Museum der SPK stattfand, ausgeschrieben.
[3] Erwähnenswert sind auch andere überinstitutionelle, wissenschaftliche und kulturelle Kooperationen im Raum Berlin, bei denen die musikarchäologische Forschung ein Schwerpunkt war, wie beim Exzellenzcluster TOPOI I (2007-2012; https://www.topoi.org/project/topoi-1-161/), oder ganz den Schwerpunkt gebildet hat, wie beim European Music Archaeology Project (EMAP) mit der Beteiligung des Deutschen Archäologischen Instituts (2013-2018; https://www.emaproject.eu/). Aber auch die Ausstellungen Klangbilder. Musik im antiken Griechenland (https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/klangbilder-musik-im-antiken-griechenland/) und Klangbilder. Musik im Alten Ägypten (https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/klangbilder-musik-im-alten-aegypten/), die im Alten und im Neuen Museum im Jahr 2021 zu sehen war, gehört dazu. Seit 2024 ist die musikarchäologische Forschung auch im SIM im Rahmen des Zweijahresthema Aufführungsräume der Musik vertreten (siehe die Auflistung der musikarchäologischen Veranstaltungen im SIM).
[4] Die vollständige Publikationsliste der Konferenzbände der ISGMA-Tagungen und diverse Monographien, die in der Reihe Orient-Archäologie des Marie Leidorf Verlages in Rahden/Westfalen unter dem Obertitel Studien zur Musikarchäologie erschienen sind, ist auf der ISGMA-Homepage zu finden: https://www.oeaw.ac.at/kal/isgma/publications.html#navbar. Zum vierten Band aus der Reihe Studien zur Musikarchäologie hat Jeremy Montagu ein Review in The Galpin Society Journal veröffentlicht (GSJ LIX, May 2006).
[5]https://www.oeaw.ac.at/oeai/publikationen/zeitschriften/journal-of-music-archaeology.
[6] Weitere musikarchäologischen Vereine, die einen ähnlichen Schwerpunkt verfolgen, sind z.B.: Study Group on Music Archaeology vom International Council for Traditional Music and Dance (ICTMD; die Zusammenfassung der Geschichte der Studiengruppe von Dr. Arnd Adje Both siehe hier: https://www.ictmusic.org/sites/default/files/Both-2022_ICTM%20Music%20Archaeology_1.pdf; Publikationen der Studiengruppe siehe hier: https://www.ekho-verlag.com/category/series/publications-of-the-ictm-study-group-on-music-archaeology/); ΜΟΙΣΑ – International Society for the Study of the Greek and Roman Music and its Cultural Heritage (MOISA; https://www.moisasociety.org/); Workshop of Dionysos (https://www.doublepipes.info/); Lotos Lab (https://lotos-lab.com/).
Weiterführende Links
- 13. Symposium der International Study Group on Music Archaeology (ISGMA): „New Approaches in Music Archaeology”
- International Study Group on Music Archaeology (ISGMA)
- Prof. Dr. Ellen Hickmann bei Wikipedia
- Arbeitsgruppe „Antike Musik” im Österreichischen Archälogischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Das Foto am Anfang des Textes zeigt ein köcherförmiges Etui aus Holz und Leder und vier von zwölf erhaltenen Spielpfeifen der altägyptischen Doppelschalmeien aus Schilfrohr (wahrscheinlich Theben, XIX. Dynastie, ca. 1292-1189 v. Chr.; heute im Museo Egizio in Turin, Italien). Foto: Museo Egizio in Turin
Kontakt
Musikarchäologie im SIM
- Die ältesten Klangräume der Menschheit. Zu den akustischen Phänomenen steinzeitlicher Höhlen
- Nicht zu überhören! Der Aulos als Instrument für drinnen und draußen im antiken Athen
- Musikalischer Wettbewerb in der Antike als Aufführungsraum der Musik
- Ausstellung und Buch: Geschenke der Musen. Musik und Tanz im antiken Griechenland, Musikinstrumenten-Museum Berlin 10.6. – 31.8.2003

