Das SIM auf der Jahrestagung 2025 der Gesellschaft für Musikforschung

von Benedikt Brilmayer, Flavia Hennig und Heinz von Loesch

Die 77. Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung (GfM) zum Thema „Musik in einer geteilten Welt“ fand vergangenes Jahr in Weimar statt, organisiert von der Hochschule für Musik FRANZ LISZT. Im Mittelpunkt standen Fragen danach, wie Musik über Epochen und Kulturräume hinweg Trennlinien sichtbar macht, Teilungserfahrungen reflektiert und zugleich Verständigung ermöglicht. Wie spiegeln sich Hoffnung und Konflikt, Zugehörigkeit und Ausgrenzung in musikalischer Praxis und theoretischer Reflexion? Welche Bedeutung haben historische und aktuelle Spaltungen für das Hören, Musizieren und Forschen? Diese Leitfragen durchzogen die beiden zentralen Symposien und eröffneten vielfältige Perspektiven auf Musik als Medium. 

Darüber hinaus prägten eine Fülle an Symposien und Freien Referaten das vielfältige Programm, zu Themenfeldern wie Musik in politischen, ideologischen und gesellschaftlichen Kontexten; Musik als Medium des Austauschs und der Globalisierung; Medien, Technologie und Digitalisierung sowie Populäre Musikformen und Klangkultur; ebenso zu den Themenkomplexen Musik, Religion und Spiritualität; Gender, Identität und Körper sowie ästhetische Konzepte und kompositorische Praktiken. Themenübergreifend luden die verschiedenen Round tables zu methodischen und zukunftsorientierten Diskussionen ein. Besonders hervorzuheben war die Einbindung experimenteller Formate, in denen künstlerische Forschung, Theorie und performative Praxis auf innovative Weise miteinander verbunden wurden. Ergänzt wurde das Programm durch Konzerte und Führungen nebst Festvortrag des Weimarer Dirigenten und Musikwissenschaftlers Peter Gülke, dessen 90. Geburtstag das Staatliche Institut für Musikforschung (SIM) erst 2024 gefeiert hatte.

Die drei Wissenschaftlichen Institutsassistentinnen des SIM gaben mit ihren Freien Referaten Einblick in die Bandbreite der Forschungsausrichtungen des SIM: Thomas MacMillans Vortrag zu „Non-Classical Music in Classical Spaces: A Critical Analysis of Data from the Konzertführer Berlin Brandenburg (1963–2012)“ ging dabei der Fragen nach, wie und warum nicht-klassische Genres in klassische Spielstätten kamen. Mit seiner Forschung trägt er zum abteilungsübergreifenden Projekt „Aufführungsräume der Musik“ am SIM bei. Gleich nebenan referierte Elisabeth Pieper über „Soundtracks der Wissenschaft: Die Rolle der Musik in der Erforschung des Gehirns“. Flavia Hennig hielt in Fortführung ihrer im Rahmen des 40jährigen Jubiläums „SIM am Kulturforum“ begonnenen konzeptionsgeschichtlichen Recherchen einen Vortrag. Für die Institutsassistentinnen bot sich damit die Chance, ihre Themen der Fachcommunity vorzustellen, weiterführende Anregungen in den Diskussionen zu erhalten und Erfahrungen mit wissenschaftlichen Vortragssituationen zu gewinnen.

Flavia Hennig war als Sprecherin der Fachgruppe Nachwuchsperspektiven mitverantwortlich für das Fachgruppensymposium zum Thema „2050 – Musikwissenschaft. Eine angekommene Disziplin?“. Für die Diskussion hatte die Fachgruppe Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen Sound Studies, Digitales und Musikvermittlung aufs Podium geladen, um darüber zu spekulieren, welche Themen und Kontroversen das Fach zukünftig prägen werden, an wen sich die universitäre Musikwissenschaft 2050 richtet und wie sich heutige Probleme wie sinkende Studierendenzahlen und der massive Druck auf die Geisteswissenschaften in Zukunft auf Forschung und Lehre auswirken werden.

Anlässlich des Fachgruppensymposiums „Musikinstrumente im Spannungsfeld von Identität, Gesellschaft und digitaler Erschließung“, das die SIM-Kuratoren Benedikt Brilmayer und Christian Breternitz mit organisierten, präsentierten Forscherinnen Fallbeispiele, die sich geografischen, politischen und ideologischen Teilungen widmeten, aber auch sozialspezifische Kontexte wie Konstruktionen von Zugehörigkeit bzw. Abgrenzung, Bedeutungs- bzw. Identitätswandel einzelner Musikinstrumente und Geschlechterrollen widmeten. Nachhaltigkeit, Umwelteinflüsse auf Materialien sowie Klassifikationsproblematiken, die sich in Sammlungen und Datenbanken niederschlagen, wurden ebenfalls diskutiert. 

Antonia Kölble mit einer Viola de Cocho. Foto: Rebecca Wolf

Der erste Beitrag von Antonia Kölble (Hochschule für Musik FRANZ LISZT) erörterte am Beispiel der Viola de Cocho, einem fünfsaitigen Lauteninstrument aus dem Biom Pantanal (Brasilien, Bolivien, Paraguay), die Auswirkungen des Klimawandels auf die Tradierung immateriellen Kulturerbes, indem sich Veränderungen des Materials auf dessen charakteristische Eigenschaften, aber auch in breiterer Perspektive auf die veränderten Umstände der Lebensweise der Akteure auswirken.

Der Wandel der Geschlechterrolle in der Ausbildung zu Geigenbaumeisterinnen stand ebenso im Fokus, wie die Identität vogtländischer Streichinstrumente im Sinne einer eigenständig zu beurteilenden Tradition. In der 350-jährigen Geschichte des Streichinstrumentenbaus im Vogtland stehen die Tradierung von Wissen und Handwerk sowie Technik im Zentrum. Ruirui Ye stellte den Wandel von lebendiger Tradition zur kulturellen Konstruktion am Beispiel der Zheng vor, einem chinesischen Zupfinstrument. Diesbezüglich verschob sich der Schwerpunkt der Identität hin zu einer ideellen Konstruktion, die der Bildung einer modernen und national geprägten Identität Chinas dienlich sein sollte. Im Spiegel des Wandels von Forschung verdeutlichte Ryoto Akiyama (Leiter der Instrumentensammlung an der Universität Göttingen) anhand der Privatsammlung Moeck an der Universität Göttingen die terminologischen Erfassungsstandards und deren Einfluss auf Identität, besonders der eurozentristischen Musikgeschichtsschreibung zu außereuropäischen Kulturen. Martha Stellmacher (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden) diskutierte künftige Herausforderungen im Umgang mit Datenbanken anhand der Orgel. Die Herausforderung der Vernetzung von Informationen, die Großteils durch Akteure aus dem Feld der Citizen Science erstellt wurden und in einem Verbundprojekt zusammengefasst werden sollen, stand im Mittelpunkt.

Der Senior Researcher des SIM, Heinz von Loesch, leitete als Sprecher der Fachgruppe Aufführungspraxis und Interpretationsforschung eine öffentliche Sitzung der Fachgruppe. Im Zentrum stand die Vorstellung eines großen, vom Österreichischen Wissenschaftsfonds finanzierten Forschungsprojekts der Kunstuniversität Graz „Musik am Grazer Hof um 1600“, bei dem drei Wissenschaftlerinnen den Zusammenhang von Aufführungspraxis und Baugeschichte des Grazer Doms untersuchen.

Die SIM-Mitarbeitenden waren zudem aktiv bei den Fachgruppen Freie Forschungsinstitute, Musik und Medien und dem Fachgruppensymposium der Musikethnologie.

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