Inszenierte Kultur: Musikprogrammatik im Palast der Republik

Als „Haus des Volkes“ war der Palast der Republik eine Bühne für Musik aller Art, auf der die DDR ihr kulturelles Selbstbild einem Millionenpublikum präsentierte. SIM-Stipendiatin Dr. Meredith Nicoll nimmt dazu eine erste Bestandsaufnahme der größtenteils unbearbeiteten Bestände des Hauses im Bundesarchiv vor. Mit ihrer neuen Datenbank soll sich die Musikprogrammatik des Hauses künftig systematisch untersuchen lassen.

Konzert im großen Saal des Palasts der Republik, Bundesarchiv DC 207110. Foto: Meredith Nicoll

Dr. Meredith Nicoll

ist Musikwissenschaftlerin, Performerin und Kulturvermittlerin. Sie studierte Gesang, Germanistik und Musikwissenschaft in den USA und Deutschland, promovierte 2025 an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg mit einer Arbeit zur Liedproduktion und -praxis in der frühen DDR. In ihrer Forschung verbindet sie kulturhistorische und performancebezogene Perspektiven mit Fragen nach Machtstrukturen, Kanonbildung und institutionellen Praktiken im Musikbereich.

Meredith Nicoll war von Mai bis August 2026 Stipendiatin am Staatlichen Institut für Musikforschung.

Von 1976 bis 1990 diente der Palast der Republik als zentrales Kulturhaus der DDR und Sitz der Volkskammer, in dem alles von staatlichen Feierlichkeiten bis hin zu Rockkonzerten stattfand. Sein Programm macht ihn zu einem einzigartig reichhaltigen Ort der Musikgeschichte der DDR: Als Schaufenster, das sowohl die innenpolitische Kulturpolitik als auch die internationale Repräsentation abdeckte, fungierte er als kontrollierte Schnittstelle, an der der musikalische Austausch zwischen Ost und West inszeniert, ausgehandelt und gesteuert wurde.

Ich erfuhr erstmals durch das Humboldt-Forum von den entsprechenden Beständen im Bundesarchiv, wo mich Dr. Alfred Hagemann, Bereichsleiter „Geschichte des Ortes“, auf den Bestand im Bundesarchiv (BArch DC 207) hinwies, die eigenen institutionellen Unterlagen des PdR. Diese Bestände waren seit ihrer Übernahme in den 1990er Jahren weitgehend unberührt geblieben, was das Material sowohl vielversprechend als auch zeitaufwendig machte: eine erste Bestandsaufnahme ebenso wie eine Analyse.

Im Rahmen dieser Pilotstudie habe ich mehr als 90 Akten durchgesehen und rund 1.300 Dokumente digitalisiert, die größtenteils aus interner und externer Korrespondenz, Plänen und Zeitplänen sowie Statistiken zu Veranstaltungs- und Besucherzahlen verschiedener Genres und Spielstätten bestehen. Diese bilden die Grundlage für eine Nodegoat-Datenbank, die dazu dient, die Entwicklung und Durchführung von Veranstaltungen und Aufführungen nachzuverfolgen und Zusammenhänge zwischen Personen, Aufführungen und Repertoire vor dem Hintergrund sich wandelnder nationaler und internationaler Politik zu analysieren.

Die Unterlagen vermitteln ein recht vollständiges Bild des geplanten Veranstaltungsprogramms an den zahlreichen Veranstaltungsorten. Eines ist bereits klar: Musik war in nahezu jeden Aspekt des Alltags im PdR eingebunden, von Konzerten im Großen Saal über gemeinsames Singen in der Lobby bis hin zu Streichquartetten bei Konferenzen und Live-Musik in den Restaurants.

Gesamtveranstaltungsplan 1976, Bundesarchiv DC 2071026. Foto: Meredith Nicoll

Was im Archiv weitgehend fehlt, scheint die Dokumentation der Veranstaltungen als künstlerische Ereignisse zu sein. Die zahlreichen Nachberichte konzentrieren sich vor allem auf Besucherzahlen und logistische Aspekte, enthalten nur gelegentliche Anmerkungen zur kulturpolitischen Bedeutung einer Veranstaltung und selten etwas zur Musik selbst. Programme und Setlisten sind zwar erhalten geblieben, jedoch nur sporadisch und oft zwischen technischen und administrativen Unterlagen versteckt, anstatt als eigenständige Aufzeichnungen gesammelt worden zu sein. Auch Fotos sind rar, und die Chancen, großformatige Veranstaltungsplakate und Spielpläne zu finden, sind gering – sie wurden routinemäßig recycelt, wobei interne Dokumente auf ihre leeren Rückseiten gedruckt wurden, um Papier zu sparen. Das bedeutet, dass sich das Gesamtbild – also was tatsächlich aufgeführt wurde, wie die Programme zusammengestellt wurden, wer diese Entscheidungen traf und warum – indirekt, Veranstaltung für Veranstaltung, zusammensetzen muss, anstatt es aus einer einzigen Quelle entnehmen zu können.

Poster zur Veranstaltung „Rock für den Frieden“ mit Notizen, Bundesarchiv DC 2071033. Foto: Meredith Nicoll

Da diese Datenbank jedoch einen klareren Überblick darüber vermittelt, was sich tatsächlich im Archiv befindet, erleichtert sie die Arbeit für zukünftige Forschungsvorhaben. Da es sich bei den meisten Veranstaltungen im PdR um Koproduktionen mit anderen staatlichen Organisationen handelte, lassen sich gezielte Untersuchungen zu einer bestimmten Veranstaltung, einem Genre oder einem Ensemble durchführen, indem das PdR-Archiv mit den Archiven der anderen beteiligten Institutionen – wie der Künstleragentur, dem Rundfunk, dem Fernsehen, dem FDGB oder der FDJ – abgeglichen wird. Auf diese Weise bietet dieses Projekt einen Ausgangspunkt, um nicht nur zu rekonstruieren, was im Palast aufgeführt wurde, sondern auch, was dieses Programm über das musikalische und kulturelle Leben in der gesamten DDR im weiteren Sinne aussagt.

"Vorschlag für die Leitung und Planung der geistig-kulturellen und künstlerischen Prozesse im Palast der Republik" von 1974 der Arbeitsgruppe kulturpolitische Aufgabenstellung, Bundesarchiv DC 2071140. Foto: Meredith Nicoll