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Sound Spaces

Musik und Freiheit
Musik scheint frei zu sein – sie erklingt, berührt und verschwindet. Doch fast immer bewegt sie sich in einem Netz aus kulturell geprägten und historisch gewachsenen Regeln. Vom Popsong bis zur Sinfonie folgen wir musikalischen Mustern, die sich stets wandeln, aber nie verschwinden. Lebendig wird Musik oft dort, wo Regeln überraschend verändert oder kunstvoll gebrochen werden.
Vielleicht ist es die Improvisation, die dem Korsett der Konventionen am eindrücklichsten entkommt. Sie entsteht im Jetzt, ist stets ein unwiederholbares Unikat. In der Musik des Barocks und der Wiener Klassik war Improvisation ein natürlicher Bestandteil der Darbietung, bewegte sich jedoch innerhalb klarer stilistischer Grenzen. Am Cembalo erklangen Melodielinien über einem Generalbass, Gesangstimmen und Ensemble fügten ihre eigenen Verzierungen hinzu, und von Solist:innen wurde erwartet, dass sie spontan Kadenzen erfanden. Die musikalische Freiheit liegt hier darin, wie einfallsreich und virtuos Interpretierende die Komposition variieren und intensivieren: Ein Barockorganist, der einen Choral entfaltet, oder eine klassische Pianistin, die sich in einer Kadenz ausdrückt, dienen letztlich immer noch der Partitur und ihrer Gesamtform. Doch mit der Zeit wich die Freiheit der Interpretation einer wachsenden Treue zum Werk. Klassisch ausgebildete Musiker:innen glänzen heute im Blattspiel – aber das freie Improvisieren ist selten geworden.
Im Jazz und in vielen nicht-klassischen Traditionen rückt die musikalische Freiheit viel stärker in den Vordergrund. Das geschriebene Material – ein Thema, ein Riff, eine Akkordfolge – ist eher eine Skizze als ein fertiges Bild, und die Identität von Musikerinnen definiert sich vor allem durch Improvisation. Auch im Jazz gibt es Konventionen, aber der Schwerpunkt verlagert sich auf persönliche Erfindungsgabe und Live-Interaktion statt auf die Treue zu einem festen Text.
Das Thema Musik und Freiheit hat auch einen gesellschaftlichen Aspekt: Musik kann Haltung hörbar machen, Widerstand stärken und Hoffnung verleihen. In ihrer Vielfalt spiegelt sie die plurale Gesellschaft, in der Freiheit auf kultureller, sozialer und politischer Ebene stets neu verhandelt wird. Diese Konzertreihe lädt ein, Hörgewohnheiten zu hinterfragen, Grenzen zu überschreiten, Neues zuzulassen. Vielleicht beginnt Freiheit mit einem offenen Ohr für das Unvertraute.
Ablauf
► Flash Talk mit den Künstlerinnen
► Konzert
► Fünf Fragen an die Künstlerinnen im SIM-Café
Termine
Sonntag, 31. Mai 2026, 14 Uhr
Ciaconna und die Freiheit der Variation
Capella de la Torre
Sonntag, 28. Juni 2026
From Oud to Lute - من العود الى اللوت -
Von Damaskus über Andalusien nach Europa
Arabic Music Institute Berlin
Tres Morillas
Donnerstag, 3. September 2026, 18 Uhr
Das Spiel mit dem Text
Das Laborieren der musikalischen Interpretation an der eigenen Freiheit
Science Talk mit Jo Wilhelm Siebert
Sonntag, 11. Oktober 2026, 14 Uhr
A Prima Vista
Leila Schayegh, Violine
Martin Zimmermann, Klavier
Sonntag,15. November 2026, 14 Uhr
»I Can’t Keep Quiet«
Musik und Widerstand
Es musizieren Dozierende und Studierende der Hochschule für Musik und Theater Rostock
Moderation: Gabriele Groll

