Rock ’n’ Roll unterm Mikroskop

Klangliche und technische Dokumentation Elektrischer Gitarren – Praktische Erkenntnisse und methodische Überlegungen – Entwicklung einer Untersuchungsvorlage

von Thomas MacMillan und Heidi von Rüden Shakibi

Im Musikinstrumenten-Museum haben die Objekte die einzigartige Möglichkeit, alle Sinne anzusprechen: Während sie in der Regel visuell wahrgenommen werden, können sie in einigen Fällen auch akustisch erlebt werden, und in seltenen Situationen besteht zudem die Gelegenheit, die Objekte zu berühren. Dieses multisensorische Erlebnis ermöglicht es den Besuchern, die Musikinstrumente nicht nur zu betrachten, sondern auch zu hören, wodurch eine tiefere und umfassendere Auseinandersetzung mit den Exponaten gefördert wird. 

Das Museum besitzt heute etwa vierzig elektrische Gitarren, elektroakustische Gitarren und vollakustische Jazzgitarren deutscher und amerikanischer Firmen. 1996 und 2011 wurden sie in Ausstellungen präsentiert. Heute befinden sich zehn dieser Instrumente in der Dauerausstellung. Die vorhandenen Einträge zu den E-Gitarren ermöglichen eine eingeschränkte Zuordnung und Kontextualisierung. Fehlende oder veraltete Daten limitieren die Verwertbarkeit der Dokumentation für Forschung und Vermittlung.

Im Rahmen der Fallstudie wird ein Schema für die detaillierte Dokumentation von E-Gitarren entwickelt. Dabei sollen Aspekte wie die Funktionsweise elektronischer Bauteile und typische Schadensbilder erfasst werden. 

Ziel ist es, möglichst repräsentative Informationen über die Instrumente bereitzustellen, insbesondere um die Transparenz für Instrumente im Depot zu erhöhen und diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zu diesem Zweck wird ein standardisiertes Beschreibungsschema entwickelt, das sowohl von Kuratoren als auch von Restauratoren genutzt werden kann, um eine einheitliche und systematische Erfassung der Objekte zu gewährleisten.

Dr. Thomas MacMillan ist Komponist, Gitarrist und Musikwissenschaftler. Von Oktober 2023 bis Oktober 2025 war er wissenschaftlicher Institutsassistent am Musikinstrumenten-Museum des Staatlichen Instituts für Musikforschung.

Heidi von Rüden Shakibiist Restauratorin für Zupfinstrumente am Musikinstrumenten-Museum, Staatliches Institut für Musikforschung.

Elektrische Gitarre, Modell: „Trickgitarre“, ca. 1960, Hersteller: Hopf, Foto: Simon Schnepp, Kat.-Nr. 5649
Abbildung 1: Elektrische Gitarre, Modell: „Trickgitarre“, ca. 1960, Hersteller: Hopf, Foto: Simon Schnepp, Kat.-Nr. 5649
Elektrische Gitarre, Modell: "Twisty", ca. 1960, Hersteller: Hopf, Foto: Simon Schnepp, Kat.-Nr.: 5650
Abbildung 2: Elektrische Gitarre, Modell: „Twisty“, ca. 1960, Hersteller: Hopf, Foto: Simon Schnepp, Kat.-Nr.: 5650
Elektrische Gitarre, Typ "Strato de Luxe", 1965, Hersteller: Framus, Foto: Simon Schnepp, Kat.-Nr.: 5663
Abbildung 3: Elektrische Gitarre, Typ „Strato de Luxe“, 1965, Hersteller: Framus, Foto: Simon Schnepp, Kat.-Nr.: 5663

Tabelle 1: Allgemeine Angaben zu elektrischen Gitarren verschiedener HerstellerTabelle 1: Allgemeine Angaben zu elektrischen Gitarren verschiedener Hersteller

Studie

Anhand von drei E-Gitarren deutscher Provenienz wird ein Erfassungsschema entwickelt, das eine umfassende Betrachtung verschiedener Aspekte ermöglicht. Neben den grundlegenden Angaben zu Hersteller, Herkunftsort, Herstellungszeitraum sowie bautechnischen Merkmalen werden auch technische Komponenten, Elektronik und Hardware dokumentiert. Zudem fließen technische Erfahrungsberichte und konservatorische Aspekte in die Dokumentation ein. Im Rahmen unserer Forschungsarbeit präsentieren wir einen Einblick in unsere Methodik und fokussieren uns auf drei zentrale Themenschwerpunkte.

Konservatorische Aspekte, Erfassung von Schadensbildern

Hierbei handelt es sich um die systematische Dokumentation verschiedener Schadensbilder, die an E-Gitarren auftreten können. Zur besseren Übersicht wurde eine Legende entwickelt, in der die Schadensbilder nach spezifischen Bereichen kategorisiert werden, beispielsweise: Beschädigungen, Reparaturen und Ergänzungen, Oberflächenschäden oder Defekte elektronischer Bauteile.[1] 

Beim Anspiel gewährleistet eine besondere Vorgehensweise den Erhalt der E-Gitarre, minimiert das Risiko von Schäden und ermöglicht eine fachgerechte Nutzung im Rahmen konservatorischer Prinzipien. 

Erkenntnisse zur Provenienz im Kontext historischer Firmengeschichte

Nicht selten sind verschiedene Firmen oder Erbauer bei der Entstehung einer E-Gitarre beteiligt. Beispielsweise werden elektronische Bauteile oder Mechaniken oft von anderen Firmen bezogen, die Fachexpertise für die Herstellung der Spezialteile haben. Im Rahmen der durchgeführten Untersuchung konnten signifikante neue Befunde bezüglich der untersuchten E-Gitarren gewonnen werden. Die Identifikation eines Patents, einer Seriennummer und eines Erbauers verbessern die Zuordnung in der Firmengeschichte. 

Elektronische Bauteile und deren Funktionsfähigkeit

Dieses Thema umfasst die Beschreibung der elektronischen Komponenten einer E-Gitarre sowie deren Funktionsprinzipien. Eine grafische Vorlage für Schaltmöglichkeiten hilft die Tonabnehmerkombinationen zu durchschauen.[2] 

Wenn die Mischpultplatte abgeschraubt und die Rückseite sichtbar wird, kann zudem ein grafischer Schaltplan[3] erstellt werden, in dem alle Schalter, Ton- und Volume-Regler und Tasten übersichtlich dargestellt werden.[4] Ziel ist es, die elektronische Steuerung und Signalführung transparent zu dokumentieren und zu analysieren.


[1] Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Kategorisierung von Schadensbildern. Eine Gliederung in allgemeine Schadensbilder (z.B. Kratzer, Verunreinigungen), typische Schäden an Gitarren (z.B. Risse an Decken und Boden, Halsverformung) und Beschädigungen elektronischer Bauteile wäre ebenfalls denkbar. 

[2] Das Beispiel „Stellungen des Fünfwegeschalters mit S-1 Schalter oben“ diente zum Vorbild. Siehe: Paul Balmer: Fender Stratocaster, Mythos und Technik, Bergkirchen 2011, S. 97

[3] Der Begriff „Mischpultplatte“ wurde von Eberhard Meinel in dem Buch: Elektrogitarren verwendet. Andere Bezeichnungen sind z.B. Schlagbrett, Pickguard oder Pickup Cover

[4] Als Beispiel wird die Trickgitarre von Hopf ausgewählt, deren Mischpultplatte abgeschraubt werden konnte und den Einblick in das Innenleben ergab, Schaltplan vgl. Mit der Abbildung 5.21. 2-TA-System mit Einzelspulen, in: Eberhard Meinel: Elektrogitarren, Berlin 1987, S. 119

Konservatorische Aspekte/Schadensbilder

Die Konstruktion einer E-Gitarre ist schwer und massiv und im Gegensatz zu einer akustischen Gitarre sollte der body einer E-Gitarre nicht schwingen, damit nur die magnetischen Tonabnehmer die Saitenschwingungen aufnehmen und besondere Klangcharakteristiken abbilden können.

Im Rahmen der konservatorischen Maßnahmen wird eine systematische Vorgehensweise empfohlen und in einem Untersuchungsbogen werden Schadensbilder aus verschiedenen Bereichen, beispielsweise Beschädigungen, Alterung, Risse, Reparaturen, Ergänzungen, Oberflächenschäden, und die Betriebsfähigkeit der Elektronik erfasst. 

Diese umfassen eine visuelle Inspektion auf sichtbare Schäden, lose Komponenten und Verschmutzungen, insbesondere die Überprüfung der Saiten auf Rost oder Verschleiß, um eine sichere Handhabung zu gewährleisten. Es folgt eine funktionale Überprüfung der elektronischen Komponenten, bei der alle Schalter, Regler und Tasten vorsichtig betätigt werden, um deren Funktionalität zu beurteilen; hierbei werden ungewöhnliche Geräusche, Knacken oder Aussetzer dokumentiert, die auf Defekte hinweisen könnten. Zudem wird die Saitenzugkraft kontrolliert und bei Bedarf reduziert, um die Handhabung zu erleichtern und mechanische Belastungen zu minimieren. Die Stimmung der Saiten wird überprüft und bei Abweichungen vorsichtig nachgestellt, um eine gute Spielbarkeit zu gewährleisten. Das behutsame Bedienen der Stimm-Mechanik sowie weiterer Bedienelemente ist essenziell, um Beschädigungen zu vermeiden; Schrauben und Knöpfe werden vorsichtig angezogen oder gelöst, um die Substanz des Instruments zu schützen. 

E-Gitarren bestehen typischerweise aus einer Vielzahl unterschiedlicher Materialien wie Holz, Metallen, Kunststoffen, Lacken, Leimen sowie teilweise aus Holzverbundwerkstoffen wie Spanplatten. Diese Materialvielfalt kann aus konservatorischer Sicht problematisch sein, da es im Laufe der Zeit zu wechselseitigen Materialreaktionen kommen kann, die die Alterungsprozesse einzelner Komponenten beschleunigen. Typische Beispiele für Degradierung finden sich an Zelluloid-Rändern (siehe Abbildung 5), Kopfplattenverzierungen und anderen Kunststoffen, die ausdampfende Weichmacher enthalten.

Ein besonders kritischer Aspekt ist die Wechselwirkung zwischen Holzwerkstoffen – insbesondere Spanplatten – und Metallteilen. Spanplatten enthalten in der Regel formaldehydbasierte Bindemittel (z. B. Harnstoff-Formaldehydharze), die unter bestimmten klimatischen Bedingungen flüchtige chemische Substanzen freisetzen können. Neben Formaldehyd sind insbesondere Ameisensäure und Essigsäure bekannt, die durch Hydrolyse- oder Oxidationsprozesse im Laufe der Alterung entstehen. Diese sauren Abbauprodukte können in unmittelbarem Kontakt oder in geschlossenen Gehäusen mit begrenztem Luftaustausch zur Korrosion metallischer Bauteile führen (siehe Abbildung 4). Diese Form der schleichenden Schädigung betrifft vor allem unedle oder nur schwach geschützte Metalle, etwa Stahl, Zinklegierungen oder vernickelte Komponenten, wie sie bei E-Gitarren im Bereich der Mechanik oder Elektronik häufig verbaut sind.

Detailaufnahme, Schadensbild an einem Verbindungsteil aus Metall, "Trickgitarre" Kat.-Nr. 5649
Abbildung 4: Detailaufnahme, Schadensbild an einem Verbindungsteil aus Metall, „Trickgitarre“ Kat.-Nr. 5649

Ein konkretes Beispiel liefert die „Trickgitarre“ der Firma Hopf (Inv.-Nr. 5649), bei der der Korpus aus einer Spanplatte besteht. Die Spanplatte zeigt partielle Desintegration – sie bröselt an einigen Stellen, wobei kleine Partikel und Krümel freiliegen oder sich gelöst haben. Diese Reste begünstigen durch die Freisetzung organischer Säuren nachweislich die Korrosion benachbarter Metallteile. Zusätzlich können auch bestimmte Kunststoffe in der Gitarre – insbesondere Weich-PVC oder Kunststoffisolationen – im Alter Essigsäure oder andere korrosive Substanzen abgeben, was den Materialverbund weiter belastet.

Insgesamt zeigt sich, dass E-Gitarren aufgrund ihrer komplexen Materialzusammensetzung empfindlich auf Umwelteinflüsse und interne Materialreaktionen reagieren können. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer sorgfältigen Analyse und eines materialbewussten Umgangs im Rahmen konservatorischer Maßnahmen und bei der Langzeitlagerung.

 Detailaufnahme, Verformungen an Randeinlagen aus Celluloid, Ausschnitt einer Fotodokumentation zur Jazzgitarre, Kat.-Nr. 5690, Foto: Laura Urban (2012)
Abbildung 5: Detailaufnahme, Verformungen an Randeinlagen aus Celluloid, Ausschnitt einer Fotodokumentation zur Jazzgitarre, Kat.-Nr. 5690, Foto: Laura Urban (2012)

Nach Abschluss der technischen Prüfungen erfolgt ein vorsichtiges Testanspiel, bei der die Funktionsfähigkeit der Regler und Schalter überprüft werden. Alle durchgeführten Maßnahmen und beobachteten Besonderheiten werden dokumentiert, um eine fundierte Grundlage für die weitere konservatorische Nutzung und Pflege des Instruments zu schaffen. Eine einheitliche Legende der Schadensbilder ist für den Vergleich verschiedener Objekte vorteilhaft (vgl. Abbildung 6).

Abbildung 6: Legende für eine Schadenskartierung „Schadensbilder an Elektrischen Gitarren“

Erkenntnisse zur Provenienz im Kontext historischer Firmengeschichte

Seitenansicht links, Elektrische Gitarre Typ „Twisty“ (Kat.-Nr. 5650), Foto: Heidi von Rüden Shakibi
Seitenansicht links, Elektrische Gitarre Typ „Twisty“ (Kat.-Nr. 5650), Foto: Heidi von Rüden Shakibi

Im Rahmen der durchgeführten Untersuchung konnten zahlreiche neue Erkenntnisse bezüglich der untersuchten E-Gitarren gewonnen werden. So wurde an zwei Instrumenten ein eingebautes Patent mit der Bezeichnung „patented Everstraight-neck by Hopf“ identifiziert, welches eine spezifische Konstruktion des Gitarrenhalses beschreibt[5]. Auf der Rückseite des Kopfes von zwei untersuchten Hopf-Gitarren sind kleine Aufkleber angebracht, die auf die Herstellungstechnik, der Laminierung dünner Holzschichten hinweisen. Dadurch entsteht ein sehr steifer Verbundwerkstoff. Dieses Material wird mit aufrechtstehender Leimrichtung verbaut, es lässt sich aussägen und erspart eine Kopf-Hals Verbindung, weil es aufgrund der Materialbeschaffenheit ermöglicht wird, Hals und Kopf aus einem Stück auszusägen. Günstige Verfahren in der Herstellungstechnik waren wichtig um das Modell in einer niedrigen Preisklasse anzubieten. Der Hals der „Twisty-Gitarre“ besitzt beispielsweise keinen Halsfuß und wird durch eine Schraubverbindung die nicht verstellbar ist mit dem Korpus verbunden. 

Die detaillierte Provenienzbestimmung ermöglicht eine verbesserte Zuordnung und Einordnung des Instruments innerhalb der Firmengeschichte. Unter dem Mikroskop konnte zudem die Seriennummer der Framus-Gitarre präzise abgelesen werden, was die exakte Bestimmung des Herstellungsdatums ermöglicht und somit zur Verifizierung der historischen Einordnung beiträgt. 

Zudem konnte der Erbauer der „Trickgitarre“, welche für die Firma Hopf gefertigt wurde, eindeutig anhand eines Stempels im Korpus unterhalb der Mischpultplatte lokalisiert werden.


[5]  Beschreibung des Patents mit Bibliografischen Daten siehe Internetseite „Deutsches Patent- und Markenamt“: https://depatisnet.dpma.de/DepatisNet/depatisnet?action=bibdat&docid=DE000001816182U (Stand: 25.09.2025)

Elektronische Bauteile und deren Funktionsfähigkeit

Bei der Dokumentation von Elektronik und Hardware werden folgende Spezifikationen erfasst: Anzahl der Tonabnehmer, Typ der Tonabnehmer (z.B. Single Coil, Humbucker), Position der Tonabnehmer, Abstände der Tonabnehmer (z.B. gemessen vom Auflagepunkt der e‘ und E-Saite am Steg zur TA-Mitte), Anzahl der Ton- und Volumeregler und Typ der Regler (z.B. Push-Pull, Rückstellfeder), Anzahl und Typ der Schalter (z.B. Kippschalter, Schiebeschalter), Anordnung der Schalter, Buchsentyp, Position der Buchse. Wenn es möglich ist, kann man die Rückseite einer Mischpultplatte[6] dokumentieren, mit den Potentiometern und ihren Spezifikationen wie die Art, Größe, Widerstände, Kondensatoren usw.. In einer Tabelle werden die verschiedenen Einstellmöglichkeiten festgehalten um die Funktion systematisch zu überprüfen. Neben der grafische Darstellung[7] kann die Funktionsweise der Mischpultplatte mit den Schaltmöglichkeiten in ein Foto der Mischpultplatte eingezeichnet werden.

An der Framus-Gitarre wurde ein Schweller-Regler als effektiver und ergonomischer Mechanismus identifiziert, dessen Funktionsweise und klanglicher Einfluss einer weiteren Analyse bedarf.


[6]  Der Begriff „Mischpultplatte“ wurde von Eberhard Meinel in dem Buch: Elektrogitarren verwendet. Andere Bezeichnungen sind z.B. Schlagbrett, Pickguard oder Pickup Cover

[7]  Die Idee zur Grafik wurde einem Buch über die Technik von E-Gitarren entnommen und lässt sich an verschiedene Gitarrenmodelle anpassen, siehe BALMER 2011, S. 97

Tabelle 2: Funktionsprüfung: Betrieb der Tonabnehmer, Regler, Druckschalter und ihre Schaltmöglichkeiten; „Trickgitarre“ von Hopf (Kat.-Nr. 5649), Foto und Bearbeitung: Heidi von Rüden Shakibi

Um den Klang einer E-Gitarre zu hören und um feststellen zu können, ob die verbaute Hardware funktioniert, wird die Gitarre an einen batteriebetriebenen Verstärker angeschlossen.[8] Die drei Regler des Verstärkers: Gain (4), Volume (8) und Tone (5) bleiben während des Anspiels jeweils in denselben Einstellungen (in der Klammer angegeben) und werden nicht verändert. Die Saiten können nun vorsichtig nacheinander mit einem Plektrum angerissen werden. Während des Klangtests finden im Restaurierungsatelier Audio-Mitschnitte mit einem herkömmlichen Mobiltelefon statt. Für wissenschaftliche Analysen sind die Aufnahmen nicht geeignet, sie dienen allein der Dokumentation um nachvollziehen zu können, dass die E-Gitarre zu dem Zeitpunkt der Beschreibung angespielt wurde und ob verschiedene Einstellungen der E-Gitarre funktioniert haben oder nicht. 

Bereits durch vorsichtiges Anklopfen mit einem Impulshammer an verschiedenen Tonabnehmern einer E-Gitarre wurden klangliche Unterschiede festgestellt. Dies könnte auf unterschiedliche Beschaffenheit der Wicklungen und deren Masse in den Spulen hinweisen.


[8] Im Gegensatz zu einem netzbetriebenen Gitarrenverstärker ist das ungefährlich, da nur eine sehr geringe Stromstärke vorhanden ist. Bei Versuchen wurde der Mini-Verstärker von Marshall MS-4 Microbe mit einer Leistung von 1 Watt verwendet.

Abbildung 8: Mischpultplatte, Rückseite, „Trickgitarre“ Inv.-Nr. 5649, Heidi von Rüden SIMPK
Abbildung 8: Mischpultplatte, Rückseite, „Trickgitarre“ (Kat.-Nr. 5649), Foto: Heidi von Rüden Shakibi

Es bestand die Möglichkeit, die Mischpultplatte der „Trickgitarre“ von Hopf abzumontieren, und verschiedene Bauteile wurden sichtbar (siehe Abbildung 8). Es lassen sich elektrische Verbindungen erkennen, aus denen ein Schaltkreis abgeleitet werden kann. 

Im Fall der „Trickgitarre” von Hopf sind vier Druckschalter und vier Regler verbaut, die die Steuerung eines Hals- und Steg-Tonabnehmers ermöglichen. Die Bezeichnungen „Solo I“, „Solo II“, „Rythm.“ und „Off“ sind dabei eher unüblich und deuten auf spezielle Betriebsmodi oder Klangoptionen hin. Auf der Rückseite der Mischpultplatte sind vier Potentiometer erkennbar. Die Potentiometer dienen dazu, die elektrischen Parameter der Schaltung zu variieren, beispielsweise die Lautstärke, den Klang oder Balance zwischen den Tonabnehmern, zur Feinabstimmung oder Impedanzanpassung. Zwei beieinanderliegende Potentiometer sind mit einem Kondensator mit der Kapazität 0,02 Mikrofarad und der Nennspannung 160 Volt verbunden, was auf eine spezielle Schaltungsanordnung hinweist. Die Kondensatoren beeinflussen die elektrische Signalkette, indem sie die Stromstärke bzw. die Spannung in bestimmten Zweigen der Schaltung regulieren, was wiederum die Klangfarbe oder die Betriebsmodi der Gitarre beeinflusst.

Das Anspielen von Musikinstrumenten zu Dokumentationszwecken wird auch heute an Museen praktiziert, Anleitungen dazu sind aber bislang nicht standardisiert.[9] In die Dokumentation wird allein ein Funktionstest aufgenommen und untersucht ob die Mischpultplatte des Instruments zu dem Zeitpunkt der Dokumentation betriebsfähig war oder nicht. Die Idee für die Durchführung eines objektiven Hörtests zur Bewertung des Klangs einer E-Gitarre ist aus mehreren Gründen problematisch und wurde verworfen. Zunächst fehlt es in der Regel an professionellem Studioequipment, das notwendig wäre, um reproduzierbare und neutrale Hörbedingungen zu schaffen. Ohne hochwertige Abhörmonitore, akustisch optimierte Räume und präzise Mikrofonierung ist eine objektive Einschätzung des Klangs nicht möglich. Darüber hinaus zeichnet sich der Klang der E-Gitarren, anders als der Klang historischer Musikinstrumente maßgeblich durch stilistische Individualität und spieltechnische und interpretatorische Besonderheiten aus.[10] Der Sound wird nicht allein durch das Instrument bestimmt, sondern auch durch Spielweise, besondere Arten der Tonbildung, Effektgeräte, Verstärkerwahl[11] und Einstellungen. Diese Vielzahl von Faktoren führt zu einer enormen Bandbreite an möglichen Klangerzeugungen, die sich nicht in einem standardisierten Hörtest abbilden lässt. Die Bewertung des Klangs einer E-Gitarre ist daher stark subjektiv geprägt und kontextabhängig. Ein Versuch, diesen Klang unter normierten Bedingungen objektiv zu bewerten, verkennt die ästhetische Vielfalt und kreative Ausdruckskraft, die das Instrument ausmachen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist ein solcher Hörtest daher weder praktikabel noch sinnvoll.


[9] Verschiedene Autoren befassen sich mit dem Thema der Spielbarkeit, und stellen zum Beispiel Fragebögen zur Entscheidungsfindung vor, ob ein Musikinstrument im Museumskontext angespielt werden kann oder nicht. Dabei spielt auch der Erhaltungszustand eine große Rolle. Siehe: Bruyn-Ouboter 2018, S. 35-53 oder Barclay 2005. In der Diskussion geht es überwiegend um historische Musikinstrumente wie Cembali, Lauten oder Streichinstrumente und nicht um E-Gitarren. Der Kraftaufwand oder die Energie, die zur Anregung der Saite einer elektronisch verstärkten Gitarre aufgebracht wird und die benötigte Saitenzugkraft, sind ungleich geringer und minimal im Vergleich zu einer gestimmten Saite eines Instruments mit Resonanzkörper. Dadurch ist das Potential für die Beschädigung originaler Substanz von vorne herein wesentlich geringer.

[10] WOLFRAM KNAUER schreibt: „Die unterschiedlichen Stilrichtungen innerhalb dieser Entwicklung (Ragtime, New Orleans, Dixieland, Chocago, Swing, Bebop, Cool Jazz, Hard Bop, Third Stream, Free Jazz, Fusion, „Neo-Klassizismus“, Eklektizismus) weisen einzelne musikalische und ästhetische Charakteristika auf, die sie als Stile des Jazz identifizieren. Solche Charakteristika sind beispielsweise: Improvisation, swing, eine spezielle Art der Tonbildung und Instrumentenbehandlung, stilistische Individualität einzelner Musiker sowie ein Traditionsbezug auf vorhergegangene Stile der Jazzgeschichte.“ In: MGG 2, Jazz. Phänomenbeschreibung und Terminologie, 1996 

[11]  Die Bedeutung eines Verstärkers im System einer klingenden E-Gitarre ist sehr groß. Bei der Untersuchung wird er unter gleichen Bedingungen und Einstellungen dazu eingesetzt, den Ton einer Gitarre zu verstärken um ihn bei der Untersuchung wahrnehmen zu können.

Audiobeispiel 1: Anspiel zum Hörversuch, Steg-Tonabnehmer, E-Gitarre Framus, Inv.-Nr. 5663, Interpret: Thomas MacMillan, Stück: Hey Joe, Komponist Jimi Hendrix, Dauer: 15 Sek., Aufnahme: 07.07.2025
Audiobeispiel 2: Anspiel zum Hörversuch, Mitte-Tonabnehmer, E-Gitarre Framus, Inv.-Nr. 5663, Interpret: Thomas MacMillan, Stück: Hey Joe, Komponist Jimi Hendrix, Dauer: 15 Sek., Aufnahme: 07.07.2025

Ungewöhnliche Bauteile wie der Schweller-Regler der Framus-Gitarre bzw. der Schaltblock der „Trickgitarre“ von Hopf, stellen effektive Mechanismen dar, die in der Dokumentation als Besonderheiten ausgewiesen werden. Für die Spieltechnik sind solche Bauteile von Interesse. Durch die Betätigung des Schweller-Reglers können besondere Klangveränderungen erzeugt werden. Wenn es möglich ist die E-Gitarre von einem Musiker anspielen zu lassen, können ergonomische Aspekte sowie die Funktionalität der Bauteile, einschließlich Bedienbarkeit, Positionierung und Anbringungsort auf der Mischpultplatte subjektiv bewertet werden. Diese Bemerkungen sollten in die Beschreibung aufgenommen werden. Für ein Klangbeispiel wurde eine kurze, repräsentative Passage ausgewählt, die von einem Musiker mit unterschiedlichen Schaltungsvarianten vorgetragen wird.

Gedanken und Beobachtungen zum Anspiel und Klang einer E-Gitarre sind Momentaufnahmen, können im Rahmen der Vermittlungsarbeit als Anregung dienen und sollten ebenfalls in der Objektdokumentation archiviert werden. Ein Beispiel hierfür ist die Einschätzung der Gitarre von Framus, Typ „Strato de Luxe“ Kat.- Nr. 5663. Persönliche Geschichten, die mit einzelnen Objekten verbunden sind, können diesen Objekten eine menschliche Dimension verleihen und werden von Museen sowie Besuchern entsprechend rezipiert.[12]


[12]  Wenn Menschen über Museumsobjekte erzählen, werden subjektive Erfahrungen abgebildet. Persönliche Geschichten sind unterhaltsam und ein Stilmittel, das heutzutage häufig in der Vermittlungsarbeit angewendet wird. 

Elektrische Gitarre, Modell „Strato de Luxe“ (Kat.-Nr. 5663),
Framus, Baujahr 1965, drei Tonabnehmer – Gedanken und Beobachtungen beim Klangtest

Thomas MacMillan

Für einen Gitarristen wie mich, der an das Standarddesign der Fender Stratocaster gewöhnt ist, wirkt die Framus „Strato de Luxe“ in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Der augenfälligste Unterschied ist die Vielzahl an Reglern und Schaltern auf dem Korpus der Gitarre (mit sechs Ein-/Aus-Schaltern, drei Klangreglern, einem Lautstärkeregler und einem Schweller-Hebel – im Vergleich zur Stratocaster mit einem 5-Wege-Tonabnehmerwahlschalter, zwei Klangreglern und einem Lautstärkeregler).

Obwohl die Framus ein deutlich höheres Maß an klanglicher Vielseitigkeit bietet, kann die Vielzahl an Bedienelementen den Spieler zunächst überfordern. Angesichts dieser Komplexität liegt es nahe, die gewünschte Klangkonfiguration vor dem Auftritt festzulegen, wobei Änderungen erst nach einem Stück (oder vielleicht während einer längeren Pause) vorgenommen werden. Im Gegensatz dazu erlaubt das einfachere und ergonomischere Design der Stratocaster dem Spieler, Ton- und Tonabnehmereinstellungen auch während des Spiels mit minimaler Unterbrechung zu verändern.

Ein klarer Vorteil der Framus ist jedoch die Möglichkeit, jeden Tonabnehmer separat ein- oder auszuschalten. So kann man zum Beispiel Hals- und Stegtonabnehmer gleichzeitig verwenden – mit oder ohne den mittleren Tonabnehmer –, was bei der Stratocaster nicht möglich ist. Dadurch lassen sich bestimmte Mittenfrequenzen gezielt ausblenden.

Ein weiteres Kuriosum ist der federbelastete Schweller-Hebel. Dieser muss über einen der Ein-/Aus-Schalter aktiviert werden. Wird er eingeschaltet, ist die Gitarre zunächst stummgeschaltet – ein Ton entsteht erst, wenn der Hebel gezogen wird. Durch die Feder kehrt der Hebel nach jedem Einsatz in seine Ausgangsposition zurück. Wie der Name schon andeutet, dient der Hebel dazu, Töne allmählich einzublenden, ähnlich wie bei einem Orgel- oder Streichinstrument. Der eigentliche Anschlag wird dadurch gedämpft, und der Ton erscheint verzögert. Heute werden solche Lautstärkeschweller meist per Fußpedal oder direkt über den Lautstärkeregler realisiert. Der Vorteil des Schweller-Hebels liegt jedoch darin, dass er automatisch zurückspringt – im Gegensatz zum manuellen Zurückdrehen des Lautstärkereglers.

Allerdings scheint die Konstruktion davon auszugehen, dass die Framus im Stehen gespielt wird – im Sitzen erweist sich der Hebel als recht störend, da er beinahe in das Bein drückt.

Letztlich lässt sich sagen, dass die Framus ein außergewöhnlich hohes Maß an Kontrolle über den Klang bietet – allerdings auf Kosten des Spielkomforts. Dennoch liefert die Strato de Luxe einen faszinierenden Einblick in die Frühzeit des Designs elektrischer Gitarren, lange vor dem heutigen Zeitalter digitaler Effektpedale.

Zusammenfassung

Die praktische Auseinandersetzung mit Objekten eines Museums tritt in der heutigen Forschung zunehmend in den Hintergrund und das Abstraktionslevel in der Museumsarbeit steigt. Für eine fundierte Betrachtung eines Musikinstruments als Forschungsgegenstand ist es jedoch unerlässlich, dass Forscherinnen und Forscher die Objekte physisch in die Hand nehmen, eingehend untersuchen, visuell inspizieren und dass die Musikinstrumente möglicherweise auch gespielt werden, um daraus wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Die strukturierte Herangehensweise ermöglicht eine umfassende Dokumentation und Analyse von E-Gitarren zu einem definierten Zeitabschnitt. Sowohl technische und konservatorische Aspekte werden systematisch erfasst und können später ausgewertet werden. Häufig wiederkehrende Schadensbilder können in einer strukturierten Herangehensweise erfasst werden.

Sofern das Instrument unter konservatorischen Auflagen spielbar gemacht werden kann, scheint es sinnvoll eine Betriebsprüfung der Mischpultplatte mit verbauter Hardware in die Dokumentation aufzunehmen. Ziel ist es, einen vergleichenden Ansatz verschiedener E-Gitarren zu ermöglichen. Nach der Erfassung der Daten in einem einheitlichen Format in einer Excel-Tabelle bzw. innerhalb der Datenbank MuseumPlus kann eine Auswertung und Darstellung der Ergebnisse erfolgen. Eine Checkliste als Schema für die Objektdokumentation ist entstanden.

Im Rahmen der durchgeführten Untersuchung konnten zahlreiche neue Erkenntnisse bezüglich der untersuchten E-Gitarren gewonnen werden. So wurde an zwei Instrumenten ein Patent identifiziert, welches eine spezielle Konstruktion des Gitarrenhalses beschreibt. Zudem wurde der Stempel eines Zuarbeiters der Firma Hopf unterhalb der Mischpultplatte lokalisiert. An der Framus-Gitarre wurde ein Schweller-Regler dokumentiert, der das Anschwellen eines Klangs ergonomisch aufgrund des Federmechanismus, der Form und Position auf der Mischpultplatte gut ausführen lässt. Unter dem Mikroskop konnte zudem die Seriennummer präzise abgelesen werden, was die exakte Bestimmung des Herstellungsdatums erlaubte und somit zur Verifizierung der historischen Einordnung beiträgt. Die detaillierte Provenienzbestimmung ermöglicht eine verbesserte Zuordnung und Einordnung von Instrumenten innerhalb der Firmengeschichte.

Für die Dokumentation werden in einer schriftlichen Anleitung die Beschreibungskriterien und angewandten Methoden festgelegt, beispielsweise welche Maße genau ermittelt werden sollen und welche Hilfsmittel bei der Untersuchung verwendet wurden. Zudem ist geplant, die gewonnenen Ergebnisse online zu veröffentlichen, um der Öffentlichkeit einen breiten Zugang zu den Forschungsergebnissen zu ermöglichen.

Ein großer Dank geht an die Haustechnik, die Elektriker und Mitarbeiter der IT für ihre Hilfe und Bereitstellung von Technik und Wissen. 

Download

Literatur

  • Balmer, Paul: Fender, Stratocaster, Mythos & Technik, Bergkirchen 2011
  • Barclay, Robert: The preservation of historic musical instruments. Display case and concert hall, London 2005
  • Bruyn-Ouboter, Vera de: Material or Immaterial? A Questionnaire to Help Decisions. About the Preservation of Musical Instruments. In: Wooden Musical Instruments Different Forms of Knowledge Book of End of WoodMusICK COST Action FP1302, Paris 2018, S. 35-52 https://cimcim.mini.icom.museum/wp-content/uploads/sites/7/2023/06/Perez-and-Marconi-2018-Wooden-Musical-Instruments-Different-Forms-of-Know_compressed-1-avec-compression.pdf (Stand: 24.09.2025)
  • Li, Christopher und Conny Restle (Hrsg.): Faszination Gitarre; Berlin 2010
  • Lospennato, Leonardo: Electric Guitar & Bass Design, Charleston 2011
  • Meinel, Eberhard: Elektrogitarren, Berlin 1987
  • Schnepel, Norbert und Helmuth Lemme: Elektro-Gitarren Made in Germany, Dorsten 1987