AIMC 2026: Wie KI das Musikmachen verändert

News vom 22.09.2026

Die 7. Conference on AI Music Creativity im SIM hat die aktuellen Entwicklungen an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und musikalischer Kreativität zusammengebracht.

Gastgeber waren das Staatliche Institut für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz (SIM) gemeinsam mit dem Fachbereich Audiokommunikation der TU Berlin und der Universität der Künste Berlin. Veranstaltungsort war das Musikinstrumenten-Museum des SIM.

Unter dem Titel „The Generative Turn. Mediated Musicianship in a Hyper-reproductive Age“ diskutierten internationale Forschende, Künstler:innen und Entwickler:innen, wie sich Komponieren, Improvisieren, Performen und Produzieren verändern, wenn zum einen KI-Systeme zunehmend selbst Teil des musikalischen Prozesses werden und zum anderen der Anteil von teilweise oder vollständig KI-generierter Musik am gesamten Musikbestand rasant zunimmt.

Dabei wurde deutlich: Die entscheidende Frage ist nicht allein, was KI musikalisch erzeugen kann, sondern wie sich durch ihre Einbindung die Bedingungen des Musikmachens verändern.

Einen besonderen Akzent setzten die beiden Keynotes von Anna Xambó und Mat Dryhurst. Die Musikerin und Forscherin Anna Xambó verband in ihrer Performance-Keynote „Inventions for Machines: Live-Coded Dreams“ Live Coding, maschinelles Hören und Creative AI mit Klängen und Bildern aus dem Musikinstrumenten-Museum und dessen Umgebung. Dabei rückte sie Aspekte in den Mittelpunkt, die sich nicht ohne Weiteres in Daten und Algorithmen übersetzen lassen: Ort, Erinnerung, Umwelt und verkörpertes musikalisches Wissen. Ihre Arbeit macht erfahrbar, dass KI musikalische Prozesse erweitern und auf neue Weise vermitteln kann, Kreativität aber immer auch in konkreten Situationen, Körpern und Umgebungen entsteht.

Mat Dryhurst verschob die Perspektive von der musikalischen Anwendung auf die Infrastrukturen hinter der KI. In seiner Keynote „AI + Music = Coordination“ ging es um die Frage, wie Modelle, Software, Daten und Regeln selbst zu einem künstlerischen und gesellschaftlichen Gestaltungsfeld werden. Seine langjährige Arbeit mit Holly Herndon, unter anderem an Holly+ und der Organisation Spawning, verbindet künstlerische Praxis mit Fragen nach Datenrechten, Urheberschaft und der Kontrolle über technologische Infrastrukturen. Damit lenkte Dryhurst den Blick auf eine Ebene, die für die Zukunft der Musik ebenso entscheidend ist wie die eigentliche Generierung von Klängen: Wer bestimmt die Regeln, nach denen KI-Systeme trainiert, eingesetzt und zugänglich gemacht werden – und wer profitiert davon?

Die wissenschaftlichen Beiträge zeigten, wie breit dieses Feld inzwischen geworden ist. Ein Schwerpunkt lag auf Mensch-KI-Netzwerken in der musikalischen Praxis: Untersucht wurden unter anderem KI-gestützte Improvisation, Echtzeit-Komposition, neue Formen der Interaktion zwischen Musiker:innen und generativen Systemen sowie Interfaces, mit denen sich neuronale Klangmodelle musikalisch steuern lassen. Beiträge zu gemeinsamem Klavierspiel, Live-Performance, Live Coding und interaktiven musikalischen Agenten machten deutlich, dass KI zunehmend nicht nur als Werkzeug, sondern als Teil eines komplexen musikalischen Handlungssystems verstanden wird.

Andere Beiträge richteten den Blick stärker auf die ästhetischen und epistemischen Konsequenzen generativer Systeme. Wie lassen sich KI-generierte Musik und ihre Qualität überhaupt bewerten? Entstehen eigene ästhetische Charakteristika generativer Systeme – oder führen sie eher zu einer Angleichung musikalischer Stile? Wie verändert sich die Rolle von Intention, Virtuosität und Autorschaft, wenn musikalische Entscheidungen zwischen Mensch, Modell, Datensatz und Interface verteilt sind? Arbeiten zu Text-to-Audio-Modellen, neuronaler Synthese, Machine Listening und der Evaluation generativer Musik zeigten, dass diese Fragen längst nicht mehr nur theoretischer Natur sind, sondern unmittelbar mit der Entwicklung und Nutzung konkreter Systeme verbunden sind.

Ein weiterer Themenkomplex betraf die gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen von KI-Musik. Beiträge beschäftigten sich mit Trainingsdaten, kultureller Identität, Urheberschaft und der Frage, wie sich musikalische Arbeit und Wertschöpfung verändern. Auch die Nutzung generativer KI in der Musikpädagogik, Fragen nach Zugänglichkeit und neue Formen des Musizierens mit digitalen Instrumenten wurden untersucht. Damit erweiterte die Konferenz die Perspektive von der technischen Leistungsfähigkeit einzelner Modelle auf die kulturellen und sozialen Systeme, in denen diese Technologien eingesetzt werden.

Die Workshops und künstlerischen Beiträge machten diese Fragen praktisch erfahrbar. Im Workshop „Dialoguing with Improvising Machines“ wurden musikalische Agentensysteme aus der Perspektive des gemeinsamen Improvisierens untersucht. Das Tutorial „Computer-Assisted Composition: From Survey to Studio Workflows with MIDI-GPT“ nahm dagegen den konkreten Einsatz generativer Systeme in kompositorischen und Studio-Workflows in den Blick. In den Konzerten und Performances wurden schließlich zahlreiche Formen KI-vermittelter musikalischer Praxis hörbar – von Live-Improvisationen und neuronaler Klangsynthese bis zu interaktiven und verkörperten Instrumenten.

Als Ergebnis der AIMC 2026 lässt sich damit vor allem eine Verschiebung der Perspektive festhalten: KI in der Musik ist längst nicht mehr nur eine Frage der automatisierten Erzeugung von Melodien, Klängen oder ganzen Stücken. Im Zentrum steht zunehmend ein komplexes Geflecht aus Menschen, Maschinen, Daten, Interfaces und Infrastrukturen. Kreativität erscheint dabei weniger als Leistung eines einzelnen Urhebers oder eines einzelnen Systems, sondern als Prozess, in dem unterschiedliche Formen von Handlungsmacht zusammenwirken. Zugleich zeigte die Konferenz, dass mit diesen neuen Möglichkeiten Fragen nach Autorschaft, Verantwortung, Daten, Kontrolle und musikalischer Wertschöpfung an Bedeutung gewinnen.

Die AIMC 2026 hat damit kein einheitliches Zukunftsbild der KI-Musik entworfen. Vielmehr machte sie sichtbar, wie vielfältig die musikalischen Möglichkeiten und offenen Fragen bereits heute sind. Zwischen Live Coding und Machine Listening, zwischen kreativer Zusammenarbeit und Dateninfrastrukturen, zwischen künstlerischem Experiment und kritischer Reflexion wurde deutlich: Der „Generative Turn“ verändert nicht nur die Werkzeuge, mit denen Musik entsteht. Er fordert dazu heraus, neu darüber nachzudenken, was musikalische Kreativität ist, wer an ihr beteiligt ist – und unter welchen Bedingungen Musik in Zukunft gemacht, gehört und geteilt wird.

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