Die Komponistin Ruth Zechlin im ästhetischen Spannungsfeld des Kalten Krieges

Ruth Zechlin (1926–2007), die wohl bedeutendste Komponistin ihrer Zeit im gesamten deutschsprachigen Raum, war nicht nur als komponierende Frau eine Besonderheit, sondern auch durch die vielen Facetten und Brüche ihres kompositorischen Schaffens. SIM-Stipendiat Dr. Lars Klingberg untersucht in seinem Projekt vor allem, wie Zechlins wichtigste kompositorische Wende Anfang der 1970er Jahre zustande kam, als sich die Komponistin neue ästhetische Leitbilder erschloss und sich Techniken von Komponisten wie Witold Lutosławski, Hans Werner Henze, György Ligeti und Krzysztof Penderecki aneignete. Erste Ergebnisse präsentierte er im Juni 2016 auf einer Tagung in Weimar.

Ruth Zechlins "Chronik ab 1978" (Signatur: Staatsbibliothek zu Berlin, N. Mus. Nachl. 150, 530): Umschlag und graphische Skizze der "Metamorphosen" für Orchester (1982). Foto: Lars Klingenberg

Eine wichtige Etappe, eigentlich der Höhepunkt meines Projektes „Die Komponistin Ruth Zechlin im ästhetischen Spannungsfeld des Kalten Krieges“ bedeutete die Vorstellung der bisher erarbeiteten Ergebnisse auf der vom 26. bis 28. Juni 2016 in Weimar stattgefundenen, von der dortigen Musikhochschule veranstalteten und von der Mariann Steegmann Foundation geförderte Tagung „Ruth Zechlin 100. Ästhetische und politische Konstellationen“.

Für das Veranstalter-Team der Hochschule, das exzellente Arbeit geleistet hatte, bildete die Tagung auch insofern eine Herausforderung, als sie während der wärmsten Tage des Jahres stattfand. Die vorausschauend vom Team ergriffenen Maßnahmen (u.a. die Lockerung der Kleiderordnung, die Sicherung einer kontinuierlichen Luftbewegung durch zahlreiche Ventilatoren und die Bereitstellung von Getränken) bewirkten freilich Erstaunliches: Die Arbeitsbedingungen im Jenny-Fleischer-Alt-Saal des Beethovenhaus von Schloss Belvedere blieben an allen Tagen erträglich. Ein besonderer Luxus bildete der für auswärtige Tagungsteilnehmer eingerichtete Bus-Shuttle-Service für die Fahrten zwischen Hotel und Tagungsort.

In ihrem Einführungsvortrag schilderte Nina Noeske – Professorin für Historische Musikwissenschaft an der HfM Weimar und Spiritus Rector der Tagung – Ruth Zechlins Biographie „als Gesellschaftsbiographie“. Sie vertrat die These, dass die von der Komponistin vor 1990 praktizierte Zurückhaltung in politischen Fragen letztlich gesellschaftlich bedingt war. (Zechlin war einerseits als bekennende Christin eine Außenseiterin im atheistischen Weltanschauungsstaat DDR, andererseits scheute sie bis 1989 die politisch-weltanschauliche Konfrontation.)

Frank Kämpfer (Deutschlandfunk, Köln), der sich schon zu DDR-Zeiten für Frauen im Musikleben einsetzte, stellte Zitate, Eindrücke und Erinnerungen von und über Zechlin zusammen, wobei er in besonderem Maße aus Rundfunkquellen schöpfen konnte und so in der Lage war, interessante Details, die der Forschung bisher kaum oder gar nicht bekannt waren, zu präsentieren.

Teilnehmer der Ruth-Zechlin-Tagung vor dem Beethovenhaus Belvedere. Foto: Elke Brämer-Klingberg

Explizit der Frage, inwieweit sich Ruth Zechlins Schaffen feministisch deuten lässt, widmete sich in absentia Johanna Yunker (Amherst, MA) in ihrem als Video eingespielten Beitrag. Yunker sieht in Ruth Zechlins 1985 uraufgeführtem Ballett „La vita“ (Libretto: Bernd Köllinger, Choreographie: Tom Schilling) insofern einen Bezug zum Feminismus, als ein zeitgenössischer Rezensent eine geistige Verbindung dieses Werks zu dem 1974 erschienenen, als feministisch geltenden Roman von Irmtraud Morgner „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz“ herstellte.

Weitere Beiträge waren der Zusammenarbeit Zechlins mit Heiner Müller (Ute Henseler, Berlin), dem Bach-Bild der Komponistin (Benedikt Schubert, Weimar) und den Verbindungen Zechlins in die Bundesrepublik (Hein Sauer, Zürich) gewidmet.

Gegenstand von Werkanalysen wurden zwei bedeutende Orgel-Kompositionen Ruth Zechlins: das „Prager Orgelkonzert“ von 1980 (Albrecht von Massow, Weimar) und der für die künstlerisch-politische Protestaktion „Wider den Schlaf der Vernunft“ am 28. Oktober 1989 in der Ost-Berliner Erlöserkirche geschriebene „Aphorismus“ (Gesa zur Nieden, Augsburg).

Julia Blum (Würzburg) stellte die methodische Konzeption des von ihr erarbeiteten Ruth-Zechlin-Werkverzeichnisses, das auch Eingang in die von Christoph Paris (Enkelsohn der Komponistin) betriebene Website ruthzechlin.de fand.

In meinem eigenen Beitrag „Ruth Zechlins Rezeption zeitgenössischer Musik“ stellte ich die verschiedenen Stationen von Ruth Zechlins atemberaubenden Stilwandel vor, dem stets die intensive Auseinandersetzung mit bestimmten Komponisten und Werken des 20. Jahrhunderts vorausgegangen war. Am Folgenreichsten erwies sich die kompositorische Wende Anfang der 1970er Jahre, als sich die Komponistin neue ästhetische Leitbilder erschloss und sich Techniken von Komponisten wie Witold Lutosławski, Hans Werner Henze, György Ligeti und Krzysztof Penderecki aneignete.

Ein Höhepunkt der Tagung war das von Nina Noeske geführte Gespräch mit der Tochter Ruth Zechlins, Claudia Paris, die zusammen mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn der Tagung beiwohnen konnte.

Zwischen den Sitzungen brachten Studierende der HfM Weimar (Einstudierung: Kerstin Behnke und Lena Haselmann-Kränzle) Zechlin-Werke verschiedener Zeiten und Gattungen zu Gehör. Der größte musikalische Beitrag war die Aufführung einer von Kerstin Behnke eingerichteten Fassung des 1962 entstandenen Funkoratoriums „Reineke Fuchs“ mit dem Hochschulchor der HfM.

Studentisches Ensembles des Instituts für Musikwissenschaft Weimar-Jena. Foto: Elke Brämer-Klingberg

Glücklicherweise plant das Veranstaltungs-Team, die Tagungsergebnisse „in geeigneter Form“ zu publizieren. Auf diese Veröffentlichung – über die Form soll noch entschieden werden – darf sich die Fachwelt freuen!

Weiterführende Links

Dr. Lars Klingberg

ist Musikwissenschaftler und Spezialist für das Wechselverhältnis von Musik und Politik im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Er studierte von 1984 bis 1989 an der Humboldt-Universität zu Berlin und promovierte 1995 an der Universität Rostock über das Schicksal von Musikgesellschaften im geteilten Deutschland.

Lars Klingenberg war von Mai bis August 2026 Stipendiatin am Staatlichen Institut für Musikforschung.