„Wenn wir nicht glauben, dass Forschung die Welt verbessern kann, warum sollten wir sie dann betreiben?“

Katrin Simon im Gespräch mit Sydney Hutchinson

Katrin Simon: Du hast Dein aktuelles DFG-Projekt mit ans SIM gebracht. Darin geht es um die Frage, wie Musik und Tanz Lateinamerika und Ostdeutschland verbunden haben. Wie kommt man als Amerikanerin dazu, sich so ein „deutsches“ Thema zu suchen?

Sydney Hutchinson: Ursprünglich konzentrierte sich meine Forschung auf Lateinamerika. Ich habe vor allem in der Dominikanischen Republik und unter Latinos in den USA Feldforschung betrieben. Sobald man jedoch Kinder hat, wird es viel schwieriger, langfristige Feldforschung fernab von zu Hause zu betreiben. Als ich 2018 nach Berlin zurückkehrte, suchte ich nach einem Projekt, das meine Lateinamerika-Expertise mit meiner neuen Heimat in Deutschland verbinden würde. Mein Mann arbeitet im Ethnologischen Museum und erzählte mir, dass es im Keller Kisten gäbe, die mich interessieren könnten. Sie standen dort seit kurz nach der Wiedervereinigung, aber man wusste nicht, was sie enthielten oder woher sie stammten. Wir gingen hinunter und öffneten gemeinsam einige von den staubigen Kartons. Es war faszinierend zu sehen, dass es sich um Tonbänder handelte, die dem DDR-Rundfunk gehört hatten. Die meisten enthielten lateinamerikanische Musik, aber es gab auch arabische und griechische Musik. Ich war sehr neugierig, wie diese Tonbänder in die DDR und dann ins Ethnologische Museum gelangt waren. Als ich mit meinen Recherchen begann, entdeckte ich eine ganze Reihe unerwarteter Verbindungen zwischen der DDR und Lateinamerika. Das Projekt wuchs von da an und umfasste nicht nur den Rundfunk, sondern auch Musikfestivals, Gesellschafts- und Modetanz und musikwissenschaftlichen Austausch.

Die Musikethnologin Dr. Sydney Hutchinson ist seit November 2025 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatlichen Institut für Musikforschung. Ihr 2024 erschienener Aufsatz "Cooperation, competition, and Cold War thinking in German music studies of the 1950s–1960s” (Die Musikforschung 77/4) wurde jüngst mit dem Bruno-Nettl-Preis (Honorable Mention) der Society for Ethnomusicology ausgezeichnet.

Katrin Simon: Auf welche Materialien greifst Du bei Deiner Forschungsarbeit zurück?

Sydney Hutchinson: Ich arbeite mit vielen verschiedenen Materialien und verwende daher auch unterschiedliche Methoden.

Das Projekt begann mit den Tonbändern, die für mich nach wie vor wichtig sind. Ich habe viel Zeit mit Praktikantinnen im EM verbracht, um die lateinamerikanischen Tonbänder zu katalogisieren – alle 2995 Stück (die etwa 800 griechischen und 450 arabischen Tonbänder habe ich anderen Forscherinnen überlassen). Ich konnte eine der Frauen ausfindig machen, die damit gearbeitet haben, und sie interviewen. Sie gab mir Kassettenaufnahmen von Interviews, die sie als DDR-Journalistin in den 1980er Jahren in Kuba geführt hatte.

Neben den Tonbändern verbringe ich viel Zeit damit, Briefe, Protokolle, Verträge und andere Dokumente zu lesen. Das Rundfunkarchiv in Potsdam verfügt über Berge solcher Unterlagen aus dem DDR-Rundfunk, und die Akademie der Künste verwahrt die Akten des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR (VKM). Ich habe auch Personalakten der Akademie der Wissenschaften sowie das Stasi-Archiv und andere Materialien im Bundes- und Landesarchiv gesichtet, um die Geschichte bestimmter Forscherinnen nachzuverfolgen.

Auch Musik- und Tanzzeitschriften der DDR haben mir viel großartiges Material geliefert, insbesondere Der Tanz und Melodie und Rhythmus, die ich immer gerne lese. Dort habe ich viele veröffentlichte Choreografien und Noten für DDR-Modetänze gefunden, die mich dazu inspiriert haben, einige der „neuen” Tänze zu rekonstruieren, die in den 1950er- und 1960er-Jahren als Konkurrenz zu westlichen Trends entstanden sind. Die Verwendung dieser experimentellen, „verkörperten“ Methodik ermöglicht es mir, eine Art Feldforschung in der Vergangenheit zu betreiben.

Schließlich sind Augenzeuginnen eine sehr wichtige Quelle für mich. Sie bieten neue Perspektiven auf das Material und ergänzen die manchmal trockenen Unterlagen mit persönlichen Erfahrungen und Einblicken in die Denkprozesse der Menschen hinter den Dokumenten. Manchmal schenken sie mir auch neue Quellen, da einige von ihnen persönliche Archive mit relevantem Material angelegt haben. Dies gilt insbesondere für die wunderbaren Menschen vom Festival des politischen Liedes, die alle Festivalprogramme, Zeitungen, LPs und vieles mehr aufbewahrt und sogar digitalisiert haben. Einige von ihnen sind gute Freundinnen geworden.

Katrin Simon: Was hat Dich bei dem Thema am meisten zum Lachen gebracht?

Sydney Hutchinson: Ich habe Protokolle einer Reihe von Treffen gefunden, die 1963 zwischen Komponisten, Textern, Kulturfunktionären und einigen sehr prominenten Musikwissenschaftlern (ja, alle Männer) der DDR stattfanden. Ihre Aufgabe war es, Schlager zu hören und zu bewerten, um sich auf eine Tanzmusikkonferenz vorzubereiten. Sie wollten einige Beispiele liefern, um zu zeigen, wie man bessere sozialistische Popmusik macht. Natürlich war Schlager ein Thema, das ziemlich weit von ihren „ernsthafteren“ akademischen Interessen entfernt war. Aber eine Sekretärin tippte pflichtbewusst alles ab, was gesagt wurde, zum Beispiel, dass einige Lieder „sogenannte Sentimentalität mit Rotzblasen“ oder „wie aus Schmalz gehauen“ seien. Sie diskutierten ernsthaft darüber, was als Schnulze galt und ob Schnulzen etwas Schlechtes waren.

Meine Praktikantinnen und ich hatten auch viel Spaß dabei, DDR-Musikvideos anzuschauen, die für Schlager-Fernsehprogramme gedreht wurden. Besonders gut hat uns eines gefallen, in dem ein Melodeonspieler vor einem rauchenden Vulkan zu sehen war. Der Vulkan beginnt zu husten, und am Ende wird gezeigt, dass hinter dem Set ein Mann geraucht hat. Es war witzig und die selbstbewusste Selbstironie hat uns überrascht. Während des gesamten Stücks gibt es einige interessante Nahaufnahmen der Musiker, die „Cha Cha Cha!“ rufen. Wir fanden das so lustig, dass wir versucht haben, diese Aufnahmen in einem unserer eigenen TikTok-/YouTube-Videos nachzustellen.

Katrin Simon: Was möchtest Du mit Deiner Forschung erreichen?

Sydney Hutchinson: In letzter Zeit denke ich oft an etwas, das der DDR-Musikwissenschaftler Georg Knepler einmal gesagt hat, nämlich dass sie die Welt durch die Musikwissenschaft verändern wollten. Das möchte ich auch. Denn wenn wir nicht glauben, dass Forschung die Welt verbessern kann, warum sollten wir sie dann betreiben? 

Es gibt einige Themen, die sich wie ein roter Faden durch meine vielen verschiedenen Forschungsprojekte ziehen. Eines davon ist, dass ich schreibe, um die Unterlegenen zu stärken, diejenigen, die traditionell aus der Geschichtsschreibung ausgeschlossen wurden oder deren Geschichten in der Öffentlichkeit keine Stimme erhalten haben, seien es unterdrückte Gruppen wie Chicanos/ Amerikaner mexikanischer Herkunft und Frauen oder unterschätzte Musikformen wie Merengue Típico in der Dominikanischen Republik. Ein weiterer roter Faden ist der kulturelle Austausch: Ich zeige, dass es nirgendwo eine „reine”, ursprüngliche Kultur gibt, dass Austausch und Vermischung normal und schön sind und die Wurzel aller Musik, die wir lieben. Derzeit schreibe ich über die Geschichte der DDR, weil sie auch Teil der deutschen Geschichte ist, obwohl dies oft nicht so dargestellt wird; und ich schreibe über den kulturellen Austausch der DDR, weil sie nicht in jeder Hinsicht die geschlossene Gesellschaft war, als die sie oft dargestellt wird. Wenn ich den Menschen, über die ich schreibe, helfen kann, das Gefühl zu bekommen, dass ihre Geschichten wertgeschätzt werden und einen Platz in der Gesellschaft haben, wenn ich Menschen helfen kann, das Schöne in anderen zu sehen, wenn ich interkulturelle Brücken bauen kann, dann denke und hoffe ich, dass ich auch dazu beitragen kann, eine integrativere demokratische Gesellschaft aufzubauen.

Katrin Simon: Welchen Stellenwert hat das SIM für Deine Forschung?

Sydney Hutchinson: Ich bin sehr stolz darauf, beim SIM zu arbeiten, sowohl, weil es sich um ein nationales, staatlich finanziertes Musikforschungsinstitut handelt – etwas, das für eine Amerikanerin kaum zu glauben ist –, als auch wegen seiner Wurzeln. Der Leiter seines Vorgängerinstituts in der Vorkriegszeit war Curt Sachs, der als einer der Gründer der Musikethnologie, meinem Fachgebiet, gilt. Seine Arbeit war jedoch wirklich interdisziplinär. Er ist auch Begründer der Organologie, also der Wissenschaft von den Musikinstrumenten (einer der Aspekte meiner Dissertation über dominikanische Akkordeonmusik), sowie der globalen Tanzgeschichte (und ich arbeite seit langem an der Schnittstelle von Musik und Tanz, einem Teilgebiet, das wir heute als Choreomusikologie bezeichnen). Ich plane ein Projekt, das sich eingehender mit Sachs und seinem Vermächtnis befasst. Auch deshalb ist das SIM der perfekte Ort für mich.

Katrin Simon: Was verbindest Du mit Berlin?

Sydney Hutchinson: Wie viele Menschen meiner Generation kannte ich Berlin zunächst als Frontlinie des Kalten Krieges. Dann fiel die Mauer, und es schien, als hätte der Westen gewonnen. Heute habe ich viele Fragen zu dieser Zeit und dazu, wie sie uns damals dargestellt wurde. Aber selbst für eine Teenagerin in Arizona war dieser Moment des Mauerfalls natürlich aufregend. 2007 zog ich dann zum ersten Mal nach Berlin und lernte die Stadt auf eine andere Art kennen. Während meines Aufenthalts habe ich viele Bücher über die Geschichte Berlins gelesen, und als ich durch die Stadt spazierte, faszinierte mich, wie viele verschiedene Schichten der Geschichte man überall sehen kann und wie vielen vergessenen Teilen dieser Geschichte man jeden Tag über den Weg läuft. Für mich ist das auch sehr emotional. Ich glaube, in den USA fühlen wir uns dem Holocaust näher als viele Deutsche, weil viele Überlebende dorthin emigriert sind. Ich bin mit Juden aufgewachsen, die Familienmitglieder und ihre Heimat in Europa verloren haben, und ich erinnere mich an eine Überlebende von Auschwitz, die zu uns in die Schule kam und uns die Nummer zeigte, die ihr auf den Arm tätowiert worden war. Der Gedanke, dass all diese Dinge hier passiert sind, oder von Berlin ausgegangen sind, kann sehr bedrückend sein. In unserer Disziplin wird diese Geschichte nicht oft genug diskutiert. Das ist ein weiterer Grund, warum ich mich dazu verpflichtet fühle, durch meine Forschung Informationen ans Licht zu bringen, die viel zu lange unter den Teppich gekehrt wurden.

Katrin Simon: Wie lange läuft Dein Projekt noch und hast Du schon eine Idee, was Du danach in Angriff nehmen möchtest?

Sydney Hutchinson: Mein aktuelles Projekt läuft bis Herbst 2027 und hat mich bereits zu meiner nächsten Idee geführt. Das Projekt begann im Ethnologischen Museum und seinem historischen Berliner Phonogrammarchiv. Beim Durchsehen der Korrespondenz fand ich Briefe, die einen Materialaustausch dokumentierten, der in den 1960er Jahren „über die Mauer hinweg” stattfand. (Ich habe kürzlich einen Artikel veröffentlicht, der diesen Austausch dokumentiert.) Als ich mich näher mit dieser Geschichte und den beteiligten Musikwissenschaftlerinnen befasste, führte mich das noch weiter in die Vergangenheit zurück. Ich stellte fest, dass es unmöglich ist, die Geschichte des Kalten Krieges zu verstehen, ohne sich mit der vorangegangenen Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Dabei wurde mir auch klar, wie viel von dieser schrecklichen Vergangenheit noch im Verborgenen liegt.

Für mein nächstes Projekt plane ich, das Vermächtnis von Sachs und seinem Kollegen Erich Moritz von Hornbostel aus feministischer und Jewish-Studies-Perspektive zu untersuchen, mit besonderem Augenmerk auf die Zeit des Kalten Krieges (die mich weiterhin interessiert). Zunächst einmal vermute ich, dass die Ehefrauen solcher Musikwissenschaftler ebenfalls eine Rolle sowohl in ihrer damaligen Arbeit als auch in ihrer posthumen Rezeption gespielt haben. So übernahm beispielsweise Irene Sachs nach dem Tod ihres Mannes das große Projekt, seine Werke herauszugeben. Auch andere Familienmitglieder sollten nicht übersehen werden. Curt Sachs hatte vier Kinder, die selbst interessante Karrieren hatten. Seine Tochter Judith war in den 1950er Jahren Bibliothekarin am Institute of Advanced Studies in Princeton, was bedeutet, dass sie für Persönlichkeiten wie Einstein, Gödel und Oppenheimer als Bibliothekarin tätig war. Dies war dieselbe Zeit, in der ihr Vater an der New York Public Library arbeitete. Ich habe bereits interessante Korrespondenz in Princeton, Amsterdam und Berlin gefunden, die mir helfen wird, diese Geschichte zu erzählen.

Zweitens wird die Tatsache, dass sowohl Sachs als auch Hornbostel Juden waren, die ihre Karrieren und ihr Eigentum in Deutschland an die Nazis verloren haben, in der Literatur typischerweise heruntergespielt, aber sie ist in Wirklichkeit für die wissenschaftliche Geschichtsschreibung sehr wichtig. Aufgrund der Verfolgung durch die Nazis brachten Sachs und Hornbostel ihr Wissen und ihre musikwissenschaftlichen Ansätze nach New York und Cambridge. Das Gleiche gilt für Andere, wie Mieczyslaw Kolinski, der nach Kanada ging, Robert Lachmann, der nach Israel ging, Klaus Wachsmann, der nach London und dann nach Los Angeles ging, usw. Das heißt, es ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, dass sie verfolgte Juden waren, dass sich die Berliner Schule der vergleichenden Musikwissenschaft und die Sachs-Hornbostel-Schule der Organologie international verbreiteten und berühmt wurden. Diese Geschichten zu erzählen, ohne die Tatsachen der Verfolgung und die Komplizenschaft einiger Kollegen zu verschweigen, muss Teil der „Dekolonialisierung“ unserer Disziplin sein.

Schließlich wurde das Erbe von Sachs-Hornbostel während des Kalten Krieges in Ost und West auf unterschiedliche Weise verbreitet und genutzt. Beide Seiten entwickelten konkurrierende Projekte zur Veröffentlichung von Hornbostels Werken. In Ost-Berlin veröffentlichte der Musikethnologe und Organologe Erich Stockmann einen Band, ebenso wie Klaus Wachsmann, Dieter Christensen und Hans-Peter Reinecke im Westen. Reinecke war damals Direktor des Staatlichen Instituts für Musikforschung und ich bin gespannt darauf, welche weiteren Geschichten sich noch in den Archiven des SIM verbergen!

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Fotos: Anne-Katrin Breitenborn