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Nur Kinderkram?

 

Bildungs- und Vermittlungsarbeit im MIM

Bildung und Vermittlung, das ist doch die Bastelabteilung? Anders ausgedrückt, ist das nicht im Grunde Kinderkram, werden die vielschichtigen und tiefgründigen wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht einfach durch fortwährendes Absenken des Niveaus popularisiert? Ich wage hier die These, dass jeder Mitarbeitende in diesem musealen Bereich solche oder ähnliche Reaktionen kennt. Doch wer so denkt, hat die Bedeutung der Vermittlungsarbeit radikal missverstanden.

von Mireya Salinas

Bildung und Vermittlung, auch gerne Museumspädadogik oder Educationarbeit genannt, kann vielfältig definiert werden. Hier folgt eine sicherlich provokante Deutung: Vermittlung ist die Verbindung der sammlungsorientierten Wissenschaft zur aktuellen gesellschaftlichen Realität. Als – so gesehen – natürliche Schwester der Öffentlichkeitsarbeit will sie den Besucherinnen und Besuchern ermöglichen, einen individuellen Zugang zur Ausstellungsthematik und gleichermaßen zu den exponierten Objekten zu finden. Bei diesem Verständnis gehören neben Führungen und Workshops auch Konzerte, Vortragsveranstaltungen und sogar die Ausstellung selber zur Vermittlung. Klarer ausgedrückt: Im Idealfall sollte jeder Besucher mindestens ein "Aha-Erlebnis" haben, seine gewohnte Perspektive kurz verlassen und, noch viel schöner, neben intellektuellen auch kreative Erfahrungen machen.

Wo wären wir denn ohne Vermittlung? Allein auf weiter Flur. Die bahnbrechende Erkenntnis eines Forschers zur Geschichte des Bassetthorns oder der Musette wird einen normalen Teenager, eine berufstätige Mutter oder einen Rentner in der Regel recht kalt lassen. Es sei denn, die Verknüpfung mit seiner oder ihrer Lebensrealität gelingt. Im Musikinstrumenten-Museum haben wir den Vorteil, mit unserem Thema nahe an die Emotionen und das künstlerische Potenzial unserer Besucher heranzukommen. Dies versuchen wir in vier Schritten zu aktivieren, durch Offenheit, Neugierde, Lernerfahrungen und Kreativität.

Offenheit: Wann erlauben wir uns denn, neue Erfahrungen zu machen oder gar etwas zu lernen? Wenn wir dem Thema oder dem Menschen, der uns gegenüber steht, eine gewisse Offenheit entgegenbringen. Das gegenteilige Bild kennt jeder, sei es der rundum verkabelte Jugendliche ("laaangweilig") oder der zur Begleitung gezwungene Ehemann ("Wollen wir nicht lieber etwas essen gehen?"). Wenn eine Schulklasse hier zur Kinderführung eintrifft, können unsere Museums-Guides eine gewisse Offenheit erstmal nur von der Lehrkraft erwarten. Da unsere Guides pädagogisch geschult und sehr erfahren sind, gelingt das "Eis-brechen" meist schnell, hier ein Beispiel: Eine große Gruppe von geflüchteten Kindern lacht. Dieses Kind mit den merkwürdigen Kleidern und der eigenartigen Perücke soll ein Junge sein? Nein, sie tippen ganz klar auf ein Mädchen. Und doch, zu Mozarts Zeiten war dies ein adäquat modisches Jungs-Outfit. Kurze Zeit später improvisiert unser Museums-Guide an dem kleinen Orgelportativ ein bekanntes arabisches Kinderlied – und mit lauten Stimmen und blitzenden Augen singen viele Kinder mit. Kultureller Austausch braucht manchmal nicht viele Worte.

Neugierde: Ist die grundsätzliche Offenheit da, erlauben wir uns, Interesse zu entwickeln. Wir werden neugierig. Warum liegen denn Vogelfedern in der Schatztruhe am Reisecembalo? Ach, die Saiten des Cembalos werden mit Federkielen gezupft. Und wozu dienen diese metallenen Schleifen an Trompete oder Horn genau? Bei der MIM Schatzsuche, die sich an Grundschüler richtet, werden solche Fragen aufgegriffen. Um die Antwort herauszufinden, müssen die Kinder zehn Schatztruhen entdecken, die im Museum für sie versteckt sind und deren Inhalt aufmerksam ansehen. Die Schatzsuche gibt es analog als Fragebogen oder als App für das Smartphone. Anreize bieten sicherlich das Punktesammeln bei der App-Version, das Herausfinden des Lösungsworts beim Fragebogen und natürlich die standesgemäße Belohnung am Ende.


Lernerfahrung: Ist unser Interesse einmal geweckt, lernen wir freiwillig, fast ohne es zu merken. Pädagogisch gesehen, ist das ein Idealzustand, oft angestrebt und selten erreicht. Aber manchmal gelingt es doch: Der Blick ist hochkonzentriert. Der Junge hebt die rechte Hand und entlockt dem Theremin gezielte Töne. Er kann gerade so auf dem Basshocker sitzen, denn er ist erst sieben Jahre alt. Was ist der Theremin-Virtuosin Carolina Eyck eben in ihrem Workshop gelungen? Dieser Junge hat sein Gehör geschult, feinmechanische Bewegungen trainiert, den Mut bewiesen, sich vor vielen Zuschauern an diesem auch heute noch faszinierenden elektronischen Musikinstrument auszuprobieren – und er hat die anderen Teilnehmer verblüfft durch seine Fokussierung und Hingabe. Solche Perspektivwechsel und Erfahrungen können die Samen legen für ein lebenslanges musikalisches Interesse und Kindern genauso wie Erwachsenen den Kosmos der Musik öffnen.

Kreativität: Fast alle Besucher haben den starken Impuls, unsere ausgestellten Kostbarkeiten mal eben selbst anzuspielen. Dieser Reflex ist bei Musikinstrumenten offenbar noch stärker ausgeprägt, als beispielsweise bei Gemälden oder archäologischen Artefakten. Dieses Bedürfnis ist einerseits gefährlich für unsere historischen Objekte, andererseits auch verständlich. Um etwas zu verstehen, also zu verinnerlichen, müssen wir es oft mit den Händen begreifen. Mit dieser Gratwanderung zwischen der Sicherheit der Museumsobjekte und den Bedürfnissen der Besucher beschäftigen wir uns tagtäglich, mit durchaus wechselndem Erfolg. Umso schöner, wenn es gelingt, die "Aha-Erlebnisse" der Besucher in kreative Aktivität umzulenken:Eine Familie entdeckt im Obergeschoss ein merkwürdiges schwarzes Podest, auf dem weiße Kreise ganz verschieden verteilt sind. Warum hängt denn hier eine Discokugel? Das Jüngste wagt sich vor und tastet mit dem Fuß über den nächstgelegenen weißen Kreis – ein Rhythmus ertönt, die anderen gesellen sich dazu, vom Kindergartenkind bis zur Oma, verschiedene Melodien und Beats erwecken den interaktiven Dancefloor "KosmiX" zum Leben.

Wenn Wissenschaftler und Vermittler vertrauens- und respektvoll zusammenarbeiten, wird das dem gesamten Museum von Nutzen sein. Es ist für uns lebensnotwendig, dass Menschen sich für unsere Themen interessieren, daran hängt unsere gesellschaftliche Relevanz. Wir haben gerade erst angefangen, neben Kindern und Familien wollen wir auch für anderen Gruppen passende Angebote entwickeln, Aktivierungs- und Rekreationsinseln in der Dauerausstellung schaffen. Um es etwas pathetisch zu sagen, man kann nur vermitteln, was man liebt. Und man kann nur lieben, was man versteht.